An Stammtischen sitzen normalerweise Gäste und keine Wirtinnen. In Rothenburg ist das alle vier bis sechs Wochen anders. Da treffen sich 13 Gastronominnen selbst zu einer solchen Runde und lassen sich bedienen. Der Austausch ist den Frauen wichtig. Die Tradition gibt es seit vielen Jahren.
Früher kamen sie zum Kaffeetrinken zusammen, hatten Kinder dabei, erzählt Susanne Dreyer vom Gasthof Post. Das war Mitte der 1970er-Jahre. Später hatte die Runde dann beschlossen, sich möglichst einmal im Monat in einem Gasthaus in der Stadt zum Abendessen zu verabreden.
Irmgard Mittermeier zum Beispiel ist seit 62 Jahren beim Stammtisch. Die gebürtige Rothenburgerin lebte und arbeitete zunächst in Bad Windsheim und zog 1963 nach Rothenburg. Else Schmidt vom Gasthof Rappen hat sie eingeladen, sie zum Wirtefrauenstammtisch zu begleiten, seither ist sie gerne und engagiert dabei. „Wir treffen uns, unterhalten uns, haben das gleiche berufliche Umfeld“, erklärt Mittermeier. Es sei ein lockerer Stammtisch, die Begegnungen seien stets angenehm.
Wir treffen uns, unterhalten uns, haben das gleiche berufliche Umfeld.
Imelda Gallus wurde vor 50 Jahren von ihrer Schwiegermutter Gretel Gallus zum Wirtinnenstammtisch mitgenommen. Sie erinnert sich genau daran, wie sie aus Mexiko nach Rothenburg kam und zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee gesehen hatte. Sie glaubte, sie wäre in einem Traum, so die Wirtin und schmunzelt. Inzwischen gibt es im „Roten Hahn“ mexikanische Spezialitäten – ein Stück Heimat für Imelda Gallus.
„Wir Wirtinnen arbeiten zusammen.“ Das betont Susanne Dreyer und ergänzt: „Wir helfen uns, wenn in einem Betrieb etwas ausgeht.“
Man stehe nicht in Konkurrenz, spreche miteinander, vermittle Gäste bei Überbuchung in ein befreundetes Hotel oder einen Gasthof, sagt Corinna Rother vom Reichsküchenmeister, die jüngste Wirtin in der Runde. Mit ihrer Mutter, Bärbel Niedner, kommt sie regelmäßig, freut sich über den Austausch und über die eine oder andere Geschichte aus alten Gastronomie-Zeiten. Und auch ihre Großmutter Emmi Kleinschroth sei schon am Stammtisch dabeigewesen.
Einmal im Jahr gibt es einen Tagesausflug der Wirtefrauen. Viel hätten sie gesehen, erinnert sich Bärbel Niedner. Ob Ulm, Regensburg, Aschaffenburg, Bamberg, Kloster Weltenburg – die Wirtinnen haben schon viele Orte besucht. Die Ausflüge hat meist Bärbel Niedner organisiert – mit ihrem Mann hat sie ein „Vorfährtle“ gemacht. Denn: Mittlerweile darf so mancher Mann seine Frau auf ihrem Ausflug begleiten. Die Voraussetzung dafür: Er fungiert als Chauffeur. Einige der Gastwirtefamilien sind auch schon gemeinsam in den Urlaub gefahren, solche Planungen haben sich am Stammtisch ergeben, erzählen die Frauen.
„Ja, es ist in der Gastronomie schwierig, außerhalb des gastronomischen Umfeldes Freundschaften zu pflegen“, meint Susanne Dreyer. Das liege nicht zuletzt an den Arbeitszeiten, die sich außerhalb der sonst üblichen Stunden bewegten und viel Flexibilität erforderten. Umso schöner sei das regelmäßige Treffen mit den Gastwirtinnen, denen es genauso gehe.
Aktuell organisiert Hannelore Meinold von der Schranne die Zusammenkünfte der 13 Gastwirtefrauen – stets an einem Dienstag. Die Gastwirte übrigens, also die Männer, treffen sich schon seit „den frühen Nachkriegsjahren“ regelmäßig – ihr Tag ist der Sonntag.