20 Jahre in Segringen: Markus Roth will streitbarer Pfarrer sein | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 01.01.2024 14:00

20 Jahre in Segringen: Markus Roth will streitbarer Pfarrer sein

Dr. Markus Roth ist seit nunmehr 20 Jahren Pfarrer in Segringen. (Foto: Martina Haas)
Dr. Markus Roth ist seit nunmehr 20 Jahren Pfarrer in Segringen. (Foto: Martina Haas)
Dr. Markus Roth ist seit nunmehr 20 Jahren Pfarrer in Segringen. (Foto: Martina Haas)

An Weihnachten im Jahr 2002 blieb die evangelische St.-Vinzenz-Kirche in Segringen geschlossen. Am dritten Advent war damals im Gotteshaus ein Feuer ausgebrochen und richtete hohen Schaden an. Als Pfarrer Markus Roth einige Monate später seinen Dienst antrat, war die Renovierung des Gotteshauses eine seiner ersten großen Herausforderungen.

Gut 20 Jahre ist das jetzt her. Viel länger, als der evangelische Pfarrer ursprünglich dachte, zu bleiben. Aber wie das Leben so spielt: „Es gab halt immer noch eine neue Aufgabe, die ich erledigen wollte“, sagt er heute und schaut aus dem Fenster des Pfarrhauses hinaus auf den berühmten Segringer Friedhof. „So ein Ausblick jeden Tag ist nicht jedermanns Sache“, findet er.

„Meine Begrüßung fand im eingerüsteten Gotteshaus statt“, erinnert er sich. Die Region kannte Roth bereits. Der aus Gunzenhausen stammende Roth studierte in Neuendettelsau, Erlangen und Tübingen. Nach einem Praktikum an der Erlöserkirche in Jerusalem absolvierte er 1999 bis 2002 in Wieseth sein Vikariat.

Die Begeisterung hielt sich in Grenzen

Als seine Berufung nach Segringen kam, hielt sich seine Begeisterung in Grenzen, gibt er rückblickend ehrlich zu. Zu der Zeit arbeitete er am Collegium Oecumenicum in München, einem internationalen ökumenischen Studienkolleg. Er betreute damals Theologiestudierende. Gerade war er Studienleiter geworden. „In Segringen gehe ich nach zwei Jahren wieder“, sagte er sich damals.

Jetzt ist er also seit 20 Jahren da und ist in dieser Zeit mit den Menschen zusammengewachsen. Die Segringerinnen und Segringer sind eine streitbare Gemeinschaft, weiß er aus Erfahrung. Aber das findet Markus Roth gut, denn „ein Pfarrer, der Recht hat, will ich nicht sein“. Auch wenn er zu vielen Dingen eine klare Meinung habe.

In den Gremien gibt es Menschen, die mit ihm um das Beste ringen, beschreibt er das. „Es gibt auch Auseinandersetzungen, aber es wäre schade, wenn in der Kirche nicht diskutiert würde. Da darf Widerspruch sein.“

Die Kirche wurde digitaler

In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe sich die Architektur der Gemeinde gewandelt. „Als ich in Segringen anfing, gab es noch keine Handys.“ Digitale Strukturen wurden aufgebaut und mit ihnen die Angebote, die die Kirche der Gemeinde macht. Audio-Gottesdienste sind hier nur ein Beispiel.

Aber auch der Gemeindealltag selbst ist nicht mehr die gleiche wie 2003: „Der Stress, unter dem die Menschen leiden, ist neu“, hat er beobachtet. In seiner Anfangszeit in Segringen seien die meisten Mütter noch zu Hause, nicht berufstätig, gewesen. Das wirke sich auf den Ehrenamtsdienst aus, der heute weniger Zulauf verzeichne.

Trotzdem sei der Besuch der Gottesdienste in der St.-Vinzenz-Kirche nach wie vor gut. „Das ist in Segringen noch ein fester Bestandteil des Lebens“, freut er sich.

Wobei seine Gemeinde von Austritten nicht verschont bleibt. Roth spricht von sechs bis sieben Menschen, die in Segringen jedes Jahr der Kirche den Rücken kehren. „Man darf das nicht persönlich nehmen“, meint er. Und er fürchtet, dass Kirche zu einer „Dienstleistungskirche“ werden könnte, in die Menschen nur noch dann kommen, wenn es um eine Inszenierung wie Hochzeiten geht.

Reisen in die Stille

Daneben hat sich sein eigenes Amt ebenso verändert: Roth hat eine 75-Prozent-Stelle. Er bildet mittwochs in Gunzenhausen Erzieherinnen aus. Und er bietet Reisen an, nach innen und nach außen, wie er erklärt. Reisen in die Stille, Reisen für Menschen, die in Kleingruppen ihren Glauben vertiefen wollen. Anfangs nahmen seine Angebote vor allem Segringerinnen und Segringer an, heute Frauen und Männer aus ganz Deutschland.

Weil Roth ein streitbarer Pfarrer sein will, geht er Probleme weiterhin aktiv an. Derzeit treibt ihn die Residenzpflicht der Pfarrerinnen und Pfarrer in ihrer Gemeinde um. „Da muss sich was ändern“, ist er überzeugt. Und seine Motivation hat nicht nur mit der Aussicht auf den Segringer Gottesacker zu tun, beteuert er.

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