Erst zerfranst der Alltag. Er kriegt Löcher. Er wird bleiern. Als in der Frühe der Wecker klingelt, stellt ihn niemand ab. An diesem Morgen schlüpft die Frau nicht wie sonst in ihre roten Schuhe. Sie bleibt liegen. Wie gefesselt. Wie gelähmt. Keine Kraft. Dann kommt er. Der schwarze Hund. Die Depression. Und fletscht die Zähne.
Das Thema ist eines, um das man lieber einen Bogen macht, denn es ist schwer, über Depressionen zu sprechen. Julia Raab und Anja Schwede machen es einem leicht, weil sie behutsam und mit Ernst und Hoffnungsmut, zugleich auch mit spielerischem Witz und großem Einfallsreichtum diese Erkrankung auf der Bühne erkunden, vorstellen, darstellen, ihr nachspüren, sie zur Sprache bringen, sie in Bilder übersetzen, in Bildern bannen.
Sie tun das mit Masken, Figuren, Handpuppen, Objekten, mit Sprache, mit Pantomime, Tanz und Musik – und mit Stille. Immer wieder Stille. Es ist keine friedliche, sondern eine lastende, ungewisse, ohnmächtige: der Nicht-Klang der Einsamkeit.
Am Freitag zeigten die Theatermacherinnen ihr Stück „Der schwarze Hund“ das erste Mal bei den Ansbacher Puppenspielen. Am Samstag führten sie es noch einmal im Kleinen Haus des Theaters auf.
„Der schwarze Hund“ ist ein postdramatisches Lehrstück, ein Recherchestück mit nachgesprochenen O-Tönen Betroffener, ein reichhaltiges Aufklärungsstück, das die Erkrankung entstigmatisiert. Und, das letztlich eben auch: ein Stück über eine Zähmung. Julia Raab und Anja Schwede zeigen, wie man lernt, mit dem schwarzen Hund zu leben. Man muss es lernen. Verscheuchen lässt er sich kaum.
Aber zuvor wird er erst größer und gefährlicher, wird lebensgefährlich, der unwillkommene Gast. Er tritt der Frau mit den roten Schuhen wie ein hundegesichtiger Dämon im Pelzmantel gegenüber. Verunsichert sie, demütigt sie, zwingt sie zu Boden, geht zum Publikum, um wie ein Dealer kleine Entlastungspäckchen, um Suchtmittel anzupreisen.
Gegen Ende klappen aus dem grauen Spielschrank, der etliche Überraschungen enthält, Schwarz-weiß-Köpfe von Prominenten, von Künstlern und Politikern, die an Depressionen litten. Winston Churchill tritt als Pappfigur mit roter Fliege auf. Er sucht Rat bei Charlie Chaplin. Malen und Schreiben hilft ihnen.
Julia Raab und Anja Schwede wissen, wovon sie spielen. Als Angehörige kennen sie Depressionen aus nächster Nähe. Ihre theatrale Auseinandersetzung geht unter die Haut. Allein lassen sie niemanden. Ein Nachgespräch gehört zum Konzept.
Sabine Effmert, die Leiterin der Ansbacher Puppenspiele, hatte dazu Dr. Christine Werthmann und Dr. Ivo Strasser, die am Bezirksklinikum Ansbach arbeiten, eingeladen. Beide zeigten sich genauso wie das Publikum beeindruckt vom „Schwarzen Hund“.
„Der schwarze Hund“ ist am heutigen Samstag, 2. März, 20 Uhr, im Kleinen Haus des Ansbacher Theaters noch einmal zu sehen. Zum Nachgespräch eingeladen sind Sandra Müller und Dr. Werner Tauber vom Bezirksklinikum Ansbach.