Die bewegte Geschichte der Stiftskirche in Feuchtwangen | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 10.09.2023 17:03

Die bewegte Geschichte der Stiftskirche in Feuchtwangen

Am Epitaph für Feuchtwangens Reformator Georg Vogtherr in der Stiftskirche: Bei seiner Führung am gestrigen Tag des offenen Denkmals berichtete Pfarrer Michael Wild (links) seinen Begleitern Wissenswertes über historische Persönlichkeiten, die in Verbindung mit dem stadtbildprägenden Gotteshaus bekannt sind. (Foto: Peter Zumach)
Am Epitaph für Feuchtwangens Reformator Georg Vogtherr in der Stiftskirche: Bei seiner Führung am gestrigen Tag des offenen Denkmals berichtete Pfarrer Michael Wild (links) seinen Begleitern Wissenswertes über historische Persönlichkeiten, die in Verbindung mit dem stadtbildprägenden Gotteshaus bekannt sind. (Foto: Peter Zumach)
Am Epitaph für Feuchtwangens Reformator Georg Vogtherr in der Stiftskirche: Bei seiner Führung am gestrigen Tag des offenen Denkmals berichtete Pfarrer Michael Wild (links) seinen Begleitern Wissenswertes über historische Persönlichkeiten, die in Verbindung mit dem stadtbildprägenden Gotteshaus bekannt sind. (Foto: Peter Zumach)

Aus dem Blickwinkel historischer Persönlichkeiten, die in Verbindung mit der Stiftskirche bekannt sind, hat Pfarrer Michael Wild am gestrigen Tag des offenen Denkmals das stadtbildprägende Gotteshaus im Herzen der Stadt Feuchtwangen vorgestellt.

So ging Wild bei seiner Führung auf Froumund von Tegernsee ein. Der Benediktiner war von 991 bis 995 in Feuchtwangen tätig, nachdem er mit einer Gesandtschaft gekommen war, um das Kloster zu unterstützen. „Wenn wir Froumunds Kirche sehen wollen, brauchen wir die Kraft der Imagination“, meinte der Theologe und empfahl seiner ansehnlichen Begleitergruppe, sich das Gotteshaus, das seinerzeit noch nicht Stiftskirche war, in der damaligen Form vorzustellen: Es war romanisch gebaut und hatte keine Spitzbögen. „Es gab keine Emporen und es war vermutlich nicht viel heller, weil die Fensteröffnungen kleiner waren. Sie hatten natürlich kein Glas.“ Zudem sei die Klosterkirche wohl deutlich kleiner gewesen. In ihr stand auch kein Taufstein, denn „der war drüben in der Johanniskirche, auch damals schon“.

Begabter Künstler und guter Pädagoge

Ein anderer Mensch „aus dieser Kirche“ war der Maler und Holzschnittmeister Michael Wolgemut (1434 bis 1519), der den Sakralbau „sichtbar und nachhaltig geprägt“ hat. Zu seiner Zeit war das Gotteshaus bereits Stiftskirche, nachdem das Chorherrenstift das Kloster in Feuchtwangen da schon längst abgelöst hatte und der Sakralbau nicht mehr dem Heiland, dem Salvator, sondern der Maria geweiht war.

Wie Wild erzählte, wurde in dieser Phase beträchtlich an- und umgebaut. Angesichts der Ausstattung mit Pfründen seien die Möglichkeiten des Stiftes beträchtlich gewesen. Die Finanzen hätten auch die Beschaffung des Marienaltars im Jahr 1483 erlaubt, „der heute wieder zu sehen ist und unsere Kirche prägt“. Meister Wolgemut, der ihn geschaffen hat, bezeichnete der Geistliche nicht nur als begabten Künstler, sondern auch als guten Pädagogen. Denn bei ihm hat Albrecht Dürer gelernt.

Wenig später trat Georg Vogtherr auf den Plan: Dem Feuchtwanger Reformator, dessen Epitaph im Nordschiff hängt, widmete der evangelische Pfarrer bei seiner Führung ein besonderes Augenmerk.

„Hurensteuer“ für den Bischof

1517 wurde Vogtherr zunächst Stiftsvikarier und später einer der Chorherren. „Trotz zölibatärer Verpflichtungen lebte er mit seiner Haushälterin und Lebensgefährtin Agnes zusammen, einer Witwe, mit der er sieben Kinder hatte.“ Dass sich die beiden verliebt haben, könne man ihnen wohl nicht verdenken, meinte der Theologe und erzählte, dass das Paar wegen seiner gezwungenermaßen außerehelichen Beziehung eine „Hurensteuer“ an den Bischof von Augsburg bezahlt habe.

Möglicherweise unter dem Eindruck einer Ablasskampagne habe sich Vogtherr ab 1519 vom katholischen Glauben abgewandt. Und als die anderen Stiftskanoniker Feuchtwangen während des Bauernkriegs 1525 verließen, blieb er als Vertreter des Stadtpfarrers allein zurück. Jetzt trat Vogtherr offen für seine evangelische Überzeugung ein, predigte dreimal pro Woche, taufte deutsch und teilte das Sakrament in beiderlei Gestalt aus. Und er heiratete seine Lebensgefährtin Agnes.

Während sich die Chorherren nach ihrer Rückkehr beim Bischof sowie beim Markgrafen über Vogtherr beschwerten, stand die Bürgerschaft hinter ihm. Als Gemeindepfarrer wirkte er fortan in der Johanniskirche. Allerdings wurde er schon bald beurlaubt, weil er die Prozession am Fronleichnamstag unterlassen, am Himmelfahrtstag 1526 eine „in evangelischer Wahrheit tief gegründete Predigt“ gehalten und gegen die Wallfahrt zu den Reliquien des Stifts gepredigt hatte. Mangels Einkommen hungerte nun seine Familie.

Die Wende kam 1527, als der lutherisch gesinnte Georg „der Fromme“ die Markgrafschaft Ansbach übernahm: 1528 erhielt Vogtherr die Bestallung als Stiftsprediger und als Stadtpfarrer an St. Johannis. Im Jahr 1534 übernahm er die erste Pfarrstelle und hatte als Superintendent die Einhaltung der neuen Kirchenordnung zu überwachen. 1539 starb Georg Vogtherr. Indes löste sich das Chorherrenstift bis 1547 nach und nach auf.

Der „Affenkasten“ für die Reliquien

Bevor Michael Wild seine Begleiter abschließend auf den Südturm hinauf geleitete, lenkte er deren Blicke auf den „Affenkasten“, der später als Empore im Chorraum für höher gestellte Beamte gedient hat. Zuvor waren hier die Reliquien aufbewahrt worden – darunter vor allem ein angeblicher Nagel vom Kreuz Christi.

Der wurde allerdings nebst einigen Urkunden während des Schmalkaldischen Kriegs 1546 geraubt. Seitdem sei die Reliquie „nicht wieder aufgetaucht“, so Pfarrer Wild.

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