Dr. Frank Wittmann hat seine Großmutter Margarete Fischer, geborene Wittmann, nie kennengelernt. Sie starb bei den Bombenangriffen auf Ansbach im Februar 1945 in einem Haus in der Draisstraße. Ihr Sohn Hans, Dr. Wittmanns Vater, überlebte. Denn Hans war während der Bombenangriffe bei seiner Pflegemutter in Eyb.
In einem FLZ-Aufruf haben wir nach Angehörigen von Menschen, die bei den Bombenangriffen auf Ansbach am 22. und 23. Februar 1945 getötet oder verletzt wurden, gesucht. Etliche Bürgerinnen und Bürger haben sich gemeldet – darunter der Ansbacher Tierarzt Dr. Frank Wittmann.
Die tragische Geschichte seiner Großmutter ist mit ungewöhnlichen familiären Verhältnissen verbunden, mit einer Art Patchwork der Vergangenheit. Margarete Wittmann bekam mit 18 Jahren ein uneheliches Kind; den Vater ihres Sohnes Hans durfte die junge Frau nicht heiraten, weil er ihren Eltern wohl nicht zusagte. Hans wurde deshalb von Margaretes älterer Schwester Anna in Pflege genommen. Der Junge wusste lange Zeit nicht, dass nicht Anna, sondern Margarete seine Mutter war.
Margarete Wittmann heiratete später Johann Fischer und bekam mit ihm die ehelichen Kinder Hilde und Erwin. Als die Bomber der Alliierten Teile von Ansbach zerstörten an jenem verhängnisvollen Februartag, waren die Fischers gerade beim Mittagessen daheim in der Draisstraße. Auch Johann Fischer saß am Tisch, weil er Fronturlaub hatte.
„Es gab Kaninchenbraten“, berichtet der 64-jährige Frank Wittmann. „Das weiß ich aus Erzählungen. Und dass die Fischers alle vier ums Leben kamen. Anna ist nach den Luftangriffen sofort zum Haus ihrer Schwester, aber da konnten nur noch die Leichen aus den Trümmern geholt werden.“ Die getöteten Kinder waren zehn und vier Jahre alt.
Es war für meinen Vater nicht einfach, damit klarzukommen.
Hans Wittmann, damals 13 Jahre alt, war bei seiner Pflegefamilie in Eyb, als die Bomben fielen. „Das war seine Rettung“, sagt Wittmann. „Er war zu dem Kaninchenbraten-Essen eingeladen, ist aber nicht hingegangen. Das war sein großes Glück. Und auch meines, denn sonst würde es mich nicht geben.“
Die ungewöhnliche familiäre Situation und der Tod der leiblichen Mutter habe seinen Vater „ewig beschäftigt“, erzählt Wittmann. „Der Verlust war zwar nicht zu schmerzlich, weil er ja seine Pflegemutter noch hatte, die für ihn die Mutter war. Margarete war für ihn die Tante, weil die zwei Frauen sozusagen Rollen getauscht hatten. Aber es war für meinen Vater trotzdem nicht einfach, damit klarzukommen.“
Und ihn selbst beschäftige es „total, dass ich meine leibliche Großmutter nicht kennengelernt habe“, sagt Wittmann. „Sie soll eine lebenslustige Frau gewesen sein. Was hätte sie mir erzählen können? Habe ich etwas von ihr geerbt? Das ist wie ein Schwarzes Loch in meiner Familiengeschichte.“