Die Bombenangriffe vor 80 Jahren in Ansbach: Lebend auf den Leichenwagen | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 16.02.2025 07:00

Die Bombenangriffe vor 80 Jahren in Ansbach: Lebend auf den Leichenwagen

Die Bombe, die Lina und Philipp Treuheit tötete, war am Markgrafenring eingeschlagen. Ziemlich weit weg vom Bahnhofsviertel also, aber vielleicht sollte die recht nahe Straße nach Nürnberg zerstört werden. Das Ziel der Alliierten im Februar 1945 war es, die deutsche Infrastruktur zu vernichten.

Lina und Philipp Treuheit, 47 und 53 Jahre alt, hatten keine Chance im Keller ihres Hauses am Markgrafenring 17. Die Druckwelle habe wohl die Lungen seiner Großmutter und seines Großvaters zerrissen, erzählt der Enkel Helmut Treuheit. Sein Opa sei Korbflechter gewesen und seine Oma Milchhändlerin. „Sie hat jeden Tag mit dem Leiterwagen Milch zu den Ansbacher Firmen geliefert, zum Schafft und zum Bosch zum Beispiel. Sie hat immer wieder für die Kriegsgefangenen beim Schafft Milch abgezweigt, was streng verboten war, dafür hat sie dann ab und zu ein Stück Presssack in einer Kanne gehabt.“

Als vermeintlich Toter auf den Leichenwagen

Mehr Glück als seine Eltern hatte der 17-jährige Rudolf Treuheit. Der Sohn von Lina und Philipp Treuheit war an seinem Arbeitsplatz in der Post während der Bombenangriffe vor 80 Jahren. Der junge Mann wurde verletzt und war bewusstlos, sodass er als vermeintlich Toter auf einen Leichenwagen gelegt wurde. „Eine Krankenschwester hat dann zufällig gesehen, dass er Schaum vorm Mund hat und noch Leben in ihm steckt“, sagt Helmut Treuheit. „Sie haben ihn rausgezogen, und er kam ins Lazarett. Später hatte er keine großen körperlichen Einschränkungen, nur Probleme mit dem Gehör.“

Psychisch habe sein Vater aber ganz gewiss Schaden genommen, sagt Helmut Treuheit. „Er war immer sehr ruhig und in sich gekehrt, Gefühle hat er nicht gezeigt, und er hat nicht über das geredet, was damals passiert ist“, schildert er. „Ich habe erst mehr erfahren, als ich nach dem Tod meines Vaters den Nachlass verwaltet habe. Mein Vater wollte von der Zeit damals nichts mehr wissen wie wohl die meisten Leute. Er hatte das alles nicht verarbeitet.“

Auswirkungen auf folgende Generationen

Psychologische Hilfe hätten die zahllosen traumatisierten Menschen nach dem Krieg nicht bekommen, bedauert Helmut Treuheit. Sein Vater, der mit einem Mal Vollwaise war und im letzten Moment von einem Leichenwagen gerettet wurde, hätte bestimmt Unterstützung gebrauchen können. „Da gab es aber nichts. Es hieß einfach: Friss oder stirb.“

Die Geschichten der betroffenen Ansbacher Familien, von denen wir nun schon einige in unserer Serie „80 Jahre danach“ erzählt haben, sind allesamt tragisch. Die individuellen Schicksale sind schrecklich.

Niemals vergessen werden darf dennoch, dass die Bombenangriffe der Alliierten auf deutsche Städte eine Folge und Konsequenz waren: eine Konsequenz des deutschen Angriffskrieges und des Völkermordes durch die Nationalsozialisten. Der am 1. September 1939 mit dem deutschen Überfall auf Polen begonnene Zweite Weltkrieg forderte bis zu seinem Ende am 8. Mai 1945 mehr als 70 Millionen Menschenleben. Die Kriegstraumata und das Verschwiegene seitens der Opfer und der Täter wirken bis heute fort in den nachfolgenden Generationen – bei den Kindern, bei den Enkeln, vielleicht auch noch bei den Urenkeln.

Rudolf Treuheit bei seiner Konfirmation mitten im Krieg: Wenige Jahre später arbeitete er bei der Post im Bahnhofsviertel. (Repro: Hausleitner)
Rudolf Treuheit bei seiner Konfirmation mitten im Krieg: Wenige Jahre später arbeitete er bei der Post im Bahnhofsviertel. (Repro: Hausleitner)
Rudolf Treuheit bei seiner Konfirmation mitten im Krieg: Wenige Jahre später arbeitete er bei der Post im Bahnhofsviertel. (Repro: Hausleitner)
Lina und Philipp Treuheit auf ihrem Hochzeitsbild: Bei den Luftangriffen kamen sie in ihrem Haus am Markgrafenring ums Leben. (Repro: Lara Hausleitner)
Lina und Philipp Treuheit auf ihrem Hochzeitsbild: Bei den Luftangriffen kamen sie in ihrem Haus am Markgrafenring ums Leben. (Repro: Lara Hausleitner)
Lina und Philipp Treuheit auf ihrem Hochzeitsbild: Bei den Luftangriffen kamen sie in ihrem Haus am Markgrafenring ums Leben. (Repro: Lara Hausleitner)

Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

"I have never written a word that did not come from my heart. I never shall."
Nellie Bly
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