Die letzten Lebenstage im Zeitraffer: Erfolgsstück feiert in Dinkelsbühl Premiere | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 03.11.2025 15:15

Die letzten Lebenstage im Zeitraffer: Erfolgsstück feiert in Dinkelsbühl Premiere

Schauspielerin Léonie Thelen überzeugte am Landestheater Dinkelsbühl bei der Premiere von „Oskar und die Dame in Rosa”. (Foto: Martina Kramer)
Schauspielerin Léonie Thelen überzeugte am Landestheater Dinkelsbühl bei der Premiere von „Oskar und die Dame in Rosa”. (Foto: Martina Kramer)
Schauspielerin Léonie Thelen überzeugte am Landestheater Dinkelsbühl bei der Premiere von „Oskar und die Dame in Rosa”. (Foto: Martina Kramer)

An die Uhrzeit werden sich die Besucherinnen und Besucher vielleicht noch gewöhnen müssen: Um 17 Uhr am Sonntag gab es im Landestheater in Dinkelsbühl eine Premiere. „Oskar und die Dame in Rosa“ heißt das eigentlich abendfüllende Erfolgsstück von Éric-Emmanuel Schmitt. Darin geht es um einen todkranken Jungen.

Kein Kuschelthema für einen Sonntagnachmittag. Dennoch war das Schauspielhaus ordentlich besetzt. Vielleicht weil einige das Stück aus Ansbach kannten, wo es im September 2020 lief. Damals als Eigenproduktion mit Nicole Schneider in der Hauptrolle. Die in Dinkelsbühl präsentierte Fassung unter der Regie von Petra Dannenhöfer ist eine Produktion von „kleines theater – Kammerspiele Landshut“ und steht dort seit 2011 auf dem Spielplan.

Stilsicher und ausdrucksstark

Viel Erfahrung mit diesem Stück bringt die Schauspielerin Léonie Thelen also mit. Stilsicher und ausdrucksstark verkörpert sie in diesem Drama alle Rollen und leistet zwei Stunden lang Erstaunliches. Die Standing Ovations am Ende der Inszenierung sind verdient.

Ähnlich wie in der Ansbacher Bearbeitung legt auch diese Inszenierung großen Wert darauf, die in der Vorlage durchaus angelegte Rührseligkeit zu umschiffen. Das Bühnenbild ist sachlich, die Kostümierung der Schauspielerin eher neutral und keineswegs auf einen Zehnjährigen zurechtgeschnitten. In der Ansbacher Version spielte Nicole Schneider im Pierrot-Kostüm in einer weißen, leergeräumten Umgebung, was einen bizarren Verfremdungseffekt zur Folge hatte. Thelen ist greifbarer, vermag es aber mit Stimme und Gestik die verschiedenen Rollen überzeugend darzustellen. Bisweilen stülpt sie sich eine Mütze über den Kopf, wenn sie den Oskar gibt.

Rosa ist die Ausnahme

Das Stück selbst ist tragisch, auch wenn es seine komischen Momente hat. Oskar leidet an Leukämie und weiß, dass er bald sterben wird. Doch keiner hat den Mut, ihm die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, sogar seine Eltern nicht. Die einzige Ausnahme ist Rosa, eine ehrenamtliche Krankenhaushelferin, die sich um Schwerstkranke kümmert. Sie, die angeblich ehemalige Catcherin mit dem klingenden Namen „Die Würgerin vom Languedoc“, spricht schnörkellos die Tatsachen aus, wofür Oskar ihr äußerst dankbar ist. Und zeigt ihm gleichzeitig Lösungsansätze, wie er sein Schicksal annehmen kann.

Der eine Weg führt direkt zu Gott, der dem zunächst skeptischen Jungen zur großen Hilfe wird. Der andere ist ein Spiel, das sich daraus ergibt, dass Rosa ihn zwölf Tage lang am Stück besuchen darf – eine Ausnahme im strengen Klinik-Reglement. Sie schlägt vor, er solle sich jeden dieser 12 Tage als ein Jahrzehnt vorstellen, um so doch noch ein ganzes Leben zu haben. Oskar geht darauf ein, altert im Zeitraffer und ist am Ende, über hundertjährig, bereit zu sterben.

Stillstand gibt es nicht

Das Stück mit seiner unbequemen Thematik gewinnt auf diese Weise etwas Tröstliches. Mit rund zwei Stunden Spieldauer ist es ein stattliches Werk, das es dem rasanten, temperamentvollen, wandlungsfähigen Spiel Thelens verdankt, Längen auszulassen. Denn Stillstand gibt es nicht, obwohl Oskar ja eigentlich durch seine Krankheit ans Bett gefesselt sein müsste. Auf ein solches Requisit hat man bewusst verzichtet und stattdessen die Fantasie der Zuschauenden angeregt. Ein eigentlich todtrauriges Stück mit einer versöhnenden Botschaft: Mag das Leben auch so kurz sein, Hauptsache ist, dass man gelebt hat. So wie der kleine Oskar, den Thelen mit Herzblut verkörpert. Bravo!


Von Martina Kramer
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