Johannes Pinneberg hat komisches Gepäck. Sein Koffer krabbelt auf allen Vieren herein. Stehlampen können laufen und sitzen. Herrn Heilbutts Anzug glänzt fischig. Und die Mietswohnung ist so schachtelklein, dass buckeln muss, wer in ihr stehen will: Wer glaubt, „Kleiner Mann – was nun?” zu kennen, sieht ihn am Theater Ansbach neu.
Robert Arnold, Schauspielleiter am Theater Ansbach, hat Hans Falladas Bestsellerroman von 1932 in einer gekürzten Fassung mit Musik auf die Bühne gebracht. Entwickelt hat sie 1972 ein prominentes Duo: Tankred Dorst und Peter Zadek. Erwin Bootz, der Pianist der Comedian Harmonists, hatte seinerzeit die Nummern komponiert.
Das krachte, das war Konzept, der Glamour von Revuen und Operette gegen das Alltagsschicksal einer kleinbürgerlichen Familie, die während der Weltwirtschaftskrise in die Armut abrutscht. Am Theater Ansbach wird auch Musik gemacht, aber anders, was heißt: nach Art des Hauses, also mit einem großen Faible fürs Groteske, das schon während Axel Kraußes Intendanz hintergründig schöne Blüten trieb – und hier jede Form von Operettenfrohsinn und Elendskitsch austreibt.
Christina Wachendorff hat die Grundlage dafür entworfen. Sie kippt mit ihrer Ausstattung das Stück aus der Zeit. Sie überschreibt die konkrete Epoche, die späte Weimarer Republik. Kein Rinnstein-Realismus kontra Show-Glitter. Alles entsteht in einem Einheitsbühnenbild, einem flächigen Weißraum.
Dicke schwarze Linien ziehen am Boden ihre Kreise und schlängeln sich bis in den zweiten Stock des Bauwerks, das mehr Kletterregal als Haus ist. Weiß ist die Grundfarbe des Klaviers. Weiß sind die Grundkostüme des stets präsenten, neunköpfigen Ensembles. Dazu kommen gemalte Papputensilien und Projektionen und Zeichnungen, die sich wie von selbst anfertigen, sich vor die Szene schieben und so vielschichtige Bildwirkungen entstehen lassen – farbig schillernde Glücksmomente am Meer genauso wie trübes Großstadtgrau.
Robert Arnold führt in diesem abstrakten Kunstraum als Regisseur eine Ästhetik weiter, die er und Frank Siebenschuh am Hause kultivieren. Er nähert sich der Geschichte und ihren Personen, indem er sie auf Abstand hält. Die Bewegungen sind wie abgezirkelt choreografiert und überzeichnet, was sich ironisch am neusachlichen Textrealismus und den prononcierten Songs reibt.
Nebenfiguren werden zu Karikaturen. Hier sprechen sie auch chorisch wie in einer antiken Tragödie. Nur sind es nicht Götter, die Johannes Pinneberg und seine schwangere Frau Emma verfolgen. Die entfesselten Kräfte des Marktes drücken sie nieder. Pinneberg nimmt sie wie ein unabwendbares Schicksal wahr – Emma nicht.
Die aufwendige Inszenierung lebt von ihrem lakonischen Witz, ihren visuellen Überraschungen, originellen Einfällen und starken Episoden. Aber sie geht in die Breite. Jede Szene kommt schneller auf den Punkt, als sie Zeit beansprucht.
Das Schauspielensemble ist größer, als es sich das Theater leisten kann. Möglich ist das, weil Mitglieder des Stadtensembles den Profis zur Seite stehen. Robert Arnold führt sie harmonisch zusammen. Bis auf die Pinnebergs spielen alle mehrere Rollen. Brillant ist Nicole Schneider etwa als Bilderbuch-Kapitalist Kleinholz mit Spitzbauch und Riesenzigarre. Sophie Weikert glänzt als dessen dämlich-dünkelhafte Tochter Marie. Katja Schumann parodiert treffsicher den pathetischen Tonfall eines Schauspielstars und empfiehlt sich als pointillistische Kino-Pianistin.
Die Hauptarbeit am Klavier übernimmt Martin Geisen. Er tut das souverän – und stößt als aufrechter Gewerkschafter und als Herr Jachmann in jene Bereiche vor, wo aus Typen Charaktermenschen werden.
Ähnliches gelingt auch Niklas Schüler und Anna Woll als Pinnebergs. Schülers Pinneberg: geduckt, trostbedürftig, in sich gefangen, man sieht die Selbstachtung zerbröseln. Anna Wolls Lämmchen, so nennt Pinneberg seine Frau, hat ein Löwinnenherz. Sie ist leuchtend idealistisch und zugleich lebenspraktisch. Das Paar entfremdet sich aber. Die zarte Hoffnung immerhin bleibt am Ende, dass ihre Liebe hält.