Wie viele andere wollte auch seine Großmutter es immer machen: Pilgern bis zur Kathedrale nach Santiago de Compostela. Doch weil diese Reise für sie nicht mehr möglich ist, erfüllte Jan Memhardt seiner Oma Frieda Memhardt den Traum und machte sich auf den Weg. Statt zu Fuß ging es für ihn aber mit dem Roller los.
Der 23-Jährige ist hauptberuflich Altenpfleger und studiert nebenbei Pflegedienstleitung. Zeitlich habe die Pilgerreise Anfang Juli perfekt gepasst: Auf der Arbeit hatte er Urlaub genommen und das Studium war durch die Semesterferien eh pausiert.
Der Wunsch seiner Oma sei es schon immer gewesen, die Kathedrale in Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens zu sehen. Für sie, aber auch für sich selbst, nahm er sich deshalb vor, ihr diesen Wunsch in gewisser Weise zu erfüllen.
Mit zwei Rucksäcken bepackt ging es auf dem Motorroller in Gattenhofen, einem Ortsteil der Gemeinde Steinsfeld im Landkreis Ansbach, los. Die Höchstgeschwindigkeit seines Gefährts liegt bei 60 Kilometern pro Stunde, wie Memhardt sagt. Ein erster kleiner Halt war die Jakobskirche in Rothenburg, so schreibt er es in seinem Reisebericht. Danach ging es weiter in Richtung Frankreich.
Er hatte die Landesgrenze noch nicht lange überquert, da fiel ihm etwas auf: Der Schlüssel für seine Rollerbox war weg. In dieser war unter anderem sein Rucksack und andere wichtige Sachen, wie ein Handy-Ladekabel, erzählt er. Dennoch fuhr er zunächst weiter bis in die Nacht hinein und schlief dann in Avallon.
Am nächsten Morgen wollte er sich der Sache mit der Rollerbox annehmen. Wie er erzählt, gab es in der Gegend nur Autowerkstätten. Doch mit Glück fand er einen Schlosser, der ihm die Box aufbrach. Zwar war sie danach nicht mehr abschließbar, aber wenigstens kam er an seine Sachen ran. „Ich hatte Glück, dass mir unterwegs keiner was geklaut hat“, sagt er mit einem Lachen.
Nach der Aufregung ging es erstmal weiter bis ins Herzen Frankreichs und später nach Spanien. Dort war die zweite Rast in Donostia-San Sebastian. Nach einem kurzen Badestopp am Meer ging es etwas langsamer weiter als bisher, denn Memhardt musste mit dem Roller über die Pyrenäen fahren. Doch die Strecke lohnte sich: Der Blick, den er von dort oben über Frankreich sowie Spanien hatte, war „unbeschreiblich“.
Über den Bergpass und Brücken sowie durch mehrere Tunnel hinweg führte der Weg durch die Provinzen des Landes. Dabei sah er immer wieder die Wegweiser, die Jakobsmuscheln. Diesen folgte er aber nur teilweise, da sein nächster Zwischenstopp in der Hafenstadt Vigo geplant war.
Am nächsten Tag sollte Memhardt dann schlussendlich sein Ziel erreichen: Die Kathedrale von Santiago in Spanien, das Ende des Jakobswegs. Vier Tage hatte er dafür gebraucht, über 2200 Kilometer einfach. Da es aber mit dem Roller schwierig war, in der Stadt zu parken, ging er das letzte Stück zu Fuß, wie er erzählt. Als Memhardt dann schließlich die Stufen zum Platz der Kathedrale beschritt, überkam ihn „sowohl Stolz als auch Freude“. Doch die Schlange an Pilgern vor Ort trübte zunächst seine Laune. Das Warten war es aber wert, sagt er. Innen sei er „völlig überwältigt“ gewesen und konnte sich „kaum sattsehen“.
Seiner Großmutter brachte er natürlich auch ein Souvenir mit: eine Jakobsmuschel. „Als Andenken, als wär sie quasi selbst dabei gewesen“, sagt er. Und wie hat Frieda Memhardt auf die Aktion ihres Enkels reagiert? „Sie war erstaunt, dass ich die Strecke in vier Tagen durchgezogen habe und natürlich auch gerührt, dass ich die Reise sozusagen für sie angetreten bin“, sagt er.
Nach einer Messe mit Abendmahl besuchte er ein Kloster in der Nähe, in dem sich die Mönche komplett selbst versorgen, wie er sagt. Nach etwas Erholung in Vigo, unter anderem am Strand, ging es wieder zurück nach Gattenhofen. Auch der Heimweg benötigte vier Tage. Zuerst dachte er, dass alles reibungslos verlaufe. Doch da hatte er sich geirrt, sagt Memhardt. Kaum hatte er die Grenze nach Deutschland erreicht, überraschte ihn ein Gewitter mit Starkregen sowie Sturmböen. Er musste also eine etwa zweistündige Zwangspause einlegen. „Alles andere wäre lebensmüde gewesen“, erzählt er.
Doch er erreichte Gattenhofen ohne weitere Zwischenfälle, nur etwas später als geplant. Sein Roller hat nun etwa 25.000 Kilometer auf dem Tacho – rund 4400 mehr als vor dieser bewegenden Erfahrung. „Aber er läuft noch“, sagt Memhardt mit einem Lachen.
Die Reise ist er zwar für seine Oma angetreten. Trotzdem konnte Memhardt selbst sehr viel daraus ziehen, wie er sagt. „Auf dem Roller hat man eben viel Zeit, nachzudenken und sich selbst zu reflektieren.“ Das habe ihm persönlich viel gegeben.