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Veröffentlicht am 11.12.2023 15:23

Knochen von Höhlenbären bei Endsee begeistern Wissenschaftler

Der Eckzahn eines senilen Höhlenbären. (Foto: Archäologischer Service Tschuch (AST) / BLfD)
Der Eckzahn eines senilen Höhlenbären. (Foto: Archäologischer Service Tschuch (AST) / BLfD)
Der Eckzahn eines senilen Höhlenbären. (Foto: Archäologischer Service Tschuch (AST) / BLfD)

Der Klappstuhl aus der Zeit um 600 nach Christus ist noch im Gedächtnis. Doch das war längst nicht der einzige Schatz, den Archäologen im Gewerbegebiet bei Endsee ausgegraben haben. Weitere Funde vom Sommer sind viele tausend Jahre alt und deuten auf einen altsteinzeitlichen Rastplatz des Menschen hin.

Mit dem Stuhl, der 2022 im Grab einer Frau gefunden worden war, hatte das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege für Schlagzeilen gesorgt. Tausende weitere Funde auf Flächen des Gewerbeparks Rothenburg und Umland bei Endsee (Gemeinde Steinsfeld, Landkreis Ansbach) sind noch viel älter. Die umfangreichen Arbeiten haben nicht nur McDonald’s aus Zeitgründen dazu veranlasst, das Grundstück für einen Restaurant-Neubau zu wechseln, sie warfen auch Fragen zur Beziehung des Menschen – oder des Neandertalers – zur ausgestorbenen Tierart der Höhlenbären auf.

Skelett eines Höhlenbären fast vollständig

Schon 2022 waren Tausende von Knochen steinzeitlicher Höhlenbären sowie einige Steinwerkzeuge entdeckt worden, heißt es in einer Pressemitteilung des Landesamts. Von August bis Oktober dieses Jahres wurde nun erneut gegraben. Die Archäologen stießen auf weitere Funde, die vermutlich in die Altsteinzeit datieren.

Für die Wissenschaft besonders interessant sei die Entdeckung von sieben erstaunlich gut erhaltenen Kieferfragmenten von bereits während der ersten Grabung entdeckten Höhlenbären. Damit sei das Skelett des Großtieres beinahe vollständig.

Brandspuren und Steinartefakte

Insgesamt sind über 10.000 Tierknochen auf der 1200 Quadratmeter großen Fundstelle gefunden worden. Fast alle stammen vom Höhlenbären. Auch Reste eines Oberkiefers und einige Zähne, vermutlich von einer Höhlenhyäne, sowie Knochen von Wildpferden, Mammuts, Nashörnern und Wölfen wurden gesichert.

Brandspuren an kleinen Knochenresten sowie Steinartefakte mit eindeutigen Bearbeitungsspuren weisen darauf hin, dass hier nicht nur Tiere lebten, sondern die Gegend um das heutige Endsee bereits in der frühen Menschheitsgeschichte aufgesucht wurde. Die Frage, die sich Wissenschaftler nun stellen: Warum war gerade diese Stelle für Mensch und Tier so attraktiv?

Endseer Höhlenbären kamen zum Winterschlaf

Die Vielzahl von Höhlenbärenknochen deute darauf hin, dass die am Rande der Frankenhöhe gelegene Fundstelle während der Altsteinzeit von Höhlen geprägt war. Im Laufe der Jahrtausende seien die Höhlen vermutlich durch Erosionsprozesse verschwunden.

Erste Radiokarbonuntersuchungen an den gefundenen Tierknochen würden nahelegen, dass die Höhlen zwischen 45.000 und 25.000 vor Christus von Höhlenbären aufgesucht wurden, vermutlich für den Winterschlaf und die Aufzucht von Jungtieren. Einzelne Steinwerkzeuge könnten dem ersten Anschein nach aus dem Mittelpaläolithikum (etwa 300.000 bis 45.000 vor Christus) stammen.

Kontakte zu Menschen noch offen

Das umfasst eine Zeit, in der weite Teile Mitteleuropas vom Neandertaler (Homo neanderthalensis) besiedelt waren. Ob aber tatsächlich der Neandertaler oder der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens sapiens) am Fuß des späteren Endseer Burgberges – um 1100 wurde dort eine Burg gebaut, 1407 wurde sie abgebrochen – seinen Rast- und Jagdplatz aufschlug, sei noch nicht abschließend geklärt.

Dr. Christoph Lobinger vom Landesamt für Denkmalpflege ordnet die Lage so ein: „Wir sprechen hier von Funden aus einem unvorstellbar langen Zeitraum von mindestens 20.000 Jahren. Noch wissen wir nicht mit Sicherheit, wie die Endseer Höhlenbären mit den frühen Menschen oder dem Neandertaler im Zusammenhang standen. Die Knochen von Mammut, Wildpferden und Nashörnern sind unzweifelhaft Jagd- und Aasreste – wahrscheinlich von Jägern, denn Höhlenbären waren vermutlich Vegetarier.“

So geht es nun weiter: Die Fundstücke werden gereinigt und inventarisiert, dann werden die Steinwerkzeuge beim Landesamt abgegeben und ihr Verbleib geprüft. Danach stünden sie der Wissenschaft zur Erforschung der Beziehung zwischen Neandertaler und Homo sapiens sapiens zur Verfügung.

Die Tierknochen hingegen werden von Archäozoologen auf Tierart, Alter sowie das Geschlecht untersucht. Weiterführende Analysen – zum Beispiel der Isotopen – könnten klären, wie sich die Tiere ernährten und wie weit sie sich von ihren Höhlen wegbewegten, um ihre Nahrung zu finden.

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