Premiere am Samstag am Landestheater Dinkelsbühl: „Was war und was wird” | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 13.01.2026 18:41

Premiere am Samstag am Landestheater Dinkelsbühl: „Was war und was wird”

Bei einer Probe zu „Was war und was wird”: der Regisseur Uwe Reichwaldt. (Foto: Pedro Malinowski)
Bei einer Probe zu „Was war und was wird”: der Regisseur Uwe Reichwaldt. (Foto: Pedro Malinowski)
Bei einer Probe zu „Was war und was wird”: der Regisseur Uwe Reichwaldt. (Foto: Pedro Malinowski)

Lutz Hübner und Sarah Nemitz sind so etwas wie das Erfolgsduo des deutschen Gegenwartstheaters. Ihre Stücke werden viel gespielt. Das Landestheater Dinkelsbühl bringt als erste Neuproduktion in diesem Jahr am Samstag eines ihrer jüngeren heraus. Das Ehepaar hat 2023 ein Schauspiel über ein Ehepaar geschrieben: „Was war und was wird”.

Die Theaterleute Sarah Nemitz und Lutz Hübner setzen ein Ehepaar ins Theater, Anke und Theo, beide mittleren Alters. Fünf Minuten vor der Vorstellung plaudern sie noch ein wenig. Über das Programmheft, über die Parkplatzsuche. Fast geraten sie in Streit. Und plötzlich machen sie selbst Theater. Sie schlüpfen in ihre eigenen Rollen.

Ein Leben in Rückblick und Vorschau

Anke und Theo lassen ihr Leben Revue passieren: wie sie sich kennengelernt haben, wie die Kinder groß geworden sind. Solche Sachen. Und sie malen sich aus, was noch kommen könnte: Arbeitslosigkeit, Krankheit – und der Tod, der sowieso. Lenny, eine allgegenwärtige Hintergrundfigur, hilft ihnen dabei, kümmert sich um Licht und Ton oder gibt das Gegenüber, wenn jemand zum Anspielen gebraucht wird.

Den Soundtrack ihres Lebens haben Lutz Hübner und Sarah Nemitz auch gleich in die Regieanweisungen hineingeschrieben. Er reicht von The B-52s über Blur bis hin zu David Bowie und Neil Young.

„Was war und was wird” ist ein gut gemachtes, tragikomisches Schauspiel über zwei Leute, denen man in der Nachbarschaft oder im eigenen Flurspiegel begegnen könnte. Wie viel Lutz Hübner und Sarah Niemitz, beide Jahrgang 1964, von sich selbst in ihren Text eingebracht haben, wissen nur sie genau. Ältere Paare werden sich jedenfalls wiedererkennen. Und jüngere?

Die will Uwe Reichwaldt auch erreichen. Der Regisseur, Jahrgang 1988, sieht bei Anke und Theo etwas Allgemeingültiges. Er erkennt im Text Konstellationen, die nicht nur für eine bestimmte Altersgruppe relevant sind, sondern die grundlegenden Strukturen von Paarbeziehungen prägen. „Dieses Couple ist so iconic oder so stereotyp”, findet Reichwaldt, „dass es schon fast ein Archetyp ist.” Es erinnert ihn an Figuren von August Strindberg und Ingmar Bergman.

Offenes Miteinander am Landestheater

Mit dem Thema Ehe und Geschlechterkampf auf der Bühne ist Reichwaldt vertraut. Die Abschlussinszenierung seines Regiestudiums galt einem finsteren Ehedrama, August Strindbergs „Totentanz”. Der Deutsche hat in Wien Theaterwissenschaft und Schauspielregie studiert. Gearbeitet hat er unter anderem am Fränkischen Theater Schloss Maßbach und am Wiener Burgtheater, wo er für das „Vestibül”, die Studiobühne, inszeniert hat. In Dinkelsbühl ist er das erste Mal engagiert.

Das Landestheater hat er als „sehr offenes Haus” wahrgenommen, als eines, in dem miteinander gearbeitet werde. So etwas würden zwar viele Theater von sich behaupten. „Aber, wenn man genau hinschaut”, sagt Reichwaldt, „ist es immer noch genauso autoritär wie zuvor”. In Dinkelsbühl hat er es anders erlebt.

Inszenierung entsteht gemeinschaftlich

Sein Regieansatz ist auch ein anderer. Seine Probenarbeit beschreibt er als offenen, anti-hierarchischen Prozess. „Das, was auf der Bühne zu sehen ist, kommt nicht alles aus meinem Kopf, sondern aus den Köpfen von all jenen, die auf der Bühne stehen. Aber auch von dem Team hinter den Kulissen.” Das habe sich als sehr fruchtbar gezeigt. „Es war eine sehr schöne Arbeit”, resümiert er.

Die größte Herausforderung, vor die ihn das Stück stellt, sieht der Regisseur darin, die Balance zwischen Identifikation und Distanz zu finden. Das Publikum soll „emotional andocken” dürfen. „Die Schwierigkeit ist, dass man die Figuren weder verurteilt noch freispricht.”

Freier Umgang mit Vorlage

Reichwaldt hält sich nicht sklavisch an die detaillierten Vorgaben von Hübner und Nemitz. So sind etwa Erinnerungen der Schauspielerinnen, Schauspieler und des Regieteams eingeflossen. Es soll wie „eine Schablone werden, die verschiedene Generationen an ihrer eigenen Biografie anlegen können.”

Margret Gilgenreiner und Thomas Weber spielen das Ehepaar. Die Aufgaben von Lenny übernehmen Yannik Dirksen und Leonard Graeber. Lenny selbst ist gestrichen. „Wir haben ihn durch etwas anderes ersetzt, das eine Überraschung sein wird.“ Welche, sagt er nicht. Es wäre dann ja keine Überraschung mehr.


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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