Sie hat einmal Wahlen entschieden, doch bei vielen ist sie in Vergessenheit geraten: Die Müllverbrennungsanlage (MVA), die in Brodswinden entstehen sollte. Das Projekt ist seit mehr als 20 Jahren Geschichte, nun hat sich auch die Bürgerinitiative gegen die MVA aufgelöst. Ein Blick zurück.
Zufrieden sitzen sie da: Monika Popp, Heide Engerer, Christian Auer und Hannes Hüttinger verbindet ein jahrzehntelanger Kampf gegen die MVA. Sie protestierten, sie argumentieren, sie stellten unbequeme Fragen, sie formulierten Anträge, sie ließen Gutachten erstellen, sie feierten Feste, sie verteilten Brötchentüten. Aber sie wurden auch immer wieder öffentlich kritisiert, sie wurden angezeigt und lange sah es so aus, als ob sie ihren Kampf verlieren.
„Wir waren die Bösen“, blickt Monika Popp heute zurück und kann dabei sogar lächeln. 2003 wurde der endgültige Schlusspunkt unter das Kapitel Thermoselect in Ansbachs Süden gesetzt. „Es hat zum erhofften Ziel geführt, auch wenn es viele Rückschläge gab“, fasst Hannes Hüttinger den rund 25 Jahre dauernden Kampf zusammen.
Nachdem sich die Bürgergemeinschaft für ein besseres Müllkonzept in Burgoberbach bereits 2018 aufgelöst hat, folgte ihr nun die „Bürgergemeinschaft gegen die Müllverbrennung – für ein besseres Müllkonzept“. In Spitzenzeiten hatte der Zusammenschluss gut 200 Mitglieder. In Burgoberbach waren es weitere gut 60 Menschen, die gegen den Müllofen in Brodswinden protestiert hatten. Die beiden Initiativen arbeiteten Hand in Hand.
Warum erfolgte die Auflösung erst jetzt? Immerhin hatten Stadt und Landkreis Ansbach sowie der Nachbarlandkreis Weißenburg-Gunzenhausen, die im Abfallentsorgungsverband Ansbach (AEV) zusammengeschlossen waren, die Liebelei mit einer eigenen thermischen Abfallentsorgung schon 2003 beendet. Also vor über 20 Jahren. „Aufgelöst haben wir uns so spät, damit wir sicher waren, dass nicht doch noch etwas Ähnliches aufkommt“, erklärt Hannes Hüttinger. Er war von Anfang an einer der führenden Köpfe in der Bürgerinitiative (BI) und zuletzt der stellvertretende Vorsitzende. An der Spitze stand Heidi Engerer.
Rückblick: Die Antwort der Politik auf wachsende Müllmengen in den 1970er- und 1980er-Jahren lautete: Wir reduzieren das Volumen, in dem wir den Müll verbrennen. Gutachten sagten auch für Westmittelfranken einen weiteren Anstieg der Abfallmengen voraus. Weitere Gutachten suchten nach den besten Standorten für eine MVA und für eine Deponie der verbleibenden Reststoffe. Und man begann damit, sich dafür zu interessieren, was der Markt so bietet. Im AEV legte man sich auf die innovative, aber noch nicht im großen Stil erprobte Thermoselect-Technik fest (siehe Kasten).
Doch es waren längst nicht alle von der Idee begeistert, vor der Haustür einen Müllofen stehen zu haben, von dem unklar war, welche Stoffe aus den Schlöten kommen. Zumal es ebenso ernst zu nehmende Wissenschaftler gab, die sagten, der Müll sei viel zu wertvoll, um ihn einfach zu verheizen. Mit einer Trennung der Abfälle könnten Mengen reduziert und Ressourcen gespart werden. Glas, Papier, Kunststoff, Metall, organische Stoffe in eigene Kreisläufe. Das war die Idee. Heute selbstverständlich. Damals ketzerisches Geschwätz von Wohlstandsgegnern. „Keiner hat damals an Abfallvermeidung gedacht“, blickt Hüttinger zurück.
Am 13. Juni 1989 gründeten 13 Frauen und Männer die Bürgergemeinschaft für ein besseres Müllkonzept, um den Bau einer MVA zu verhindern. Im September veranstaltete die Bürgerinitiative ein erstes Müllfest. „Wir haben Mehrweggeschirr verwendet. Obwohl rund 5000 Menschen kamen, haben wir so gut wie keinen Abfall produziert“, erinnert sich Monika Popp.
Mit der Müllpost brachten die Aktiven ihre Ideen zu den Menschen. Aufkleber mit der Aufschrift „Wer Müll verbrennt, pennt“ machten auf die BI aufmerksam. Richtig ernst genommen haben die damaligen politischen Machthaber sie aber zunächst nicht. Doch im März 1990 war Kommunalwahl, und mit Ralf Felber trat für die SPD ein Oberbürgermeisterkandidat in Ansbach an, der das Vorhaben in Brodswinden klar ablehnte.
Das war sicher mitentscheidend für seinen Sieg. Vielleicht spielten auch die Gratis-Frühstücksbrötchen eine Rolle. Diese hatten am Stichwahl-Sonntag unter anderem Mitglieder der Bürgergemeinschaft in der Stadt verteilt, erinnern sich Engerer und ihre Mitstreiter im FLZ-Gespräch zurück. Eine bislang in Ansbach einmalige Aktion.
Dass Felber später zum Befürworter und dann doch wieder zum Gegner der MVA mutierte, ist Geschichte. Dazwischen gab es wilde politische Entwicklungen. Einen mit äußerst knappen 21-zu-20-Stimmen gefassten Ausstiegsbeschluss des Ansbacher Stadtrates aus dem AEV, der aber aus juristischen Gründen nicht vollzogen wurde. Die ÖDP im Landkreis gründete sich – unter anderem, um dem Protest gegen die Müllverbrennung eine politische Stimme zu geben. Ein parallel in allen drei Gebietskörperschaften laufendes Bürgerbegehren ließ der Bayerische Verwaltungsgerichtshof nicht zu. Und und und . . .
Als dann am 13. März 1998 der Spatenstich für den Bau der Thermoselect-Anlage bei Brodswinden, direkt an der Autobahn erfolgte, war das für die Aktiven der BI ein Rückschlag. Aufgeben war aber dennoch kein Thema, schildert Hüttinger. „Die Hoffnung haben wir nie aufgegeben. Wir haben weiterhin viele technische Dinge angeprangert.“ Lückenhafte Gutachten, zweifelhafte Messwerte. „Wir haben das alles auseinander gepflückt. Ich habe bei mir zu Hause 30 Aktenordner mit Material stehen.“ Zeitweise gehörte der Stadtrat der Bürgerinitiative Ansbacher Parteiloser sogar dem AEV an und wollte von innen heraus das Vorhaben stoppen.
Gebaut wurde trotzdem. Zumindest die Gebäudehülle. Denn die technischen Probleme an der bereits im Test befindlichen Anlage im Karlsruher Hafen mehrten sich. Schließlich erreichten die Bürgerinitiative und der Bund Naturschutz mit ihrer Klage gegen die Baugenehmigung einen Baustopp in Brodswinden.
Dann verschärfte sich der Knatsch zwischen Thermoselect und der Thermischen Abfallentsorgungsgesellschaft Ansbach (TAE), die für Bau und Betrieb der Anlage gegründet worden war. Und mit einem Mal war auch im AEV wieder eine Mehrheit vorhanden, die schnellstmöglich aussteigen wollte. 2003 war das. Ein Jahr später gab es die Thermoselect-Anlage in Ansbach-Brodswinden nur noch als Streitpunkt juristischer Auseinandersetzungen und als knallrot lackiertes Stahl-Ungetüm neben der Autobahn. Es sollte bis 2014 dauern, bis die MVA auch für die Gerichte kein Thema mehr war.
Die Bürgerinitiativen feierten im September 2004 noch einmal ein großes Fest. Hubert Weiger, der damalige Vorsitzende vom Bund Naturschutz in Bayern, kam und beglückwünschte die Kämpfer. Der BN war in all den Jahren stets an der Seite der Müllverbrennungsgegner gewesen und hat sie in vielerlei Hinsicht unterstützt.
Hat sich der Einsatz gelohnt? Popp, Engerer, Auer und Hüttinger nicken überzeugt. Die Erleichterung, dass sie letztlich als Sieger vom Platz gingen, ist ihnen auch gut 20 Jahre nach dem Ausstieg aus dem Projekt, ins Gesicht geschrieben. Obwohl es immer wieder Versuche gab, sie mundtot zu machen, hätten die positiven Rückmeldungen klar überwogen. „Mich haben auch Leute bestärkt, weiterzumachen, die sich selbst nicht getraut haben, sich öffentlich zu äußern“, sagt Monika Popp. Und auch Hannes Hüttinger findet: „Da gab es viel Dankbarkeit, dass wir das machen.“
Die Bürgergemeinschaft hat sich nun aufgelöst. Mitgliedsbeiträge hat das Bündnis schon seit vielen Jahren nicht mehr erhoben, aber ein bisschen Geld lag noch auf dem Konto, wie Kassier Christian Auer in der Mitgliederversammlung berichtete. Das Vereinsvermögen wurde dem Bund Naturschutz übertragen.
1996 hat sich der Abfallentsorgungsverband (AEV), zu dem neben Stadt und Landkreis Ansbach auch der Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen gehörte, für die Thermoselect-Technik aus der Schweiz entschieden. Ein Verfahren, das versprach, mit besonders hohen Temperaturen eine Verschwelung mit besonders wenig Schadstoffen und Rückständen zu ermöglichen. Im Brennofen sollten sich die Müllpakete bei 2000 Grad unter Zufuhr von reinem Sauerstoff in Gase und flüssige Bestandteile umwandeln. Eine Schockabkühlung sollte verhindern, dass sich umweltschädliche Emissionen bilden. Für die Umsetzung gründete der AEV mit der Energie Baden-Württemberg (EnBW) die Thermische Abfallentsorgung Ansbach GmbH (TAE). EnBW hatte damals die Lizenz für den Thermoselect-Vertrieb in Deutschland und wollte in Karlsruhe und Ansbach zeigen, was die Technik kann.
Der Spatenstich in Brodswinden erfolgte am 13. September 1998. Noch während man in Ansbach baute, gab es immer mehr Informationen zu Störfällen in Karlsruhe. Giftige Gasaustritte, undichte Reaktoren und Explosionen soll es gegeben haben. In Ansbach entstand die Gebäudehülle, doch die vermeintliche Wundertechnik wurde nicht verbaut. Man wartete auf Lösungen für die Probleme. Selbst jene im AEV, die immer an das Vorzeigeprojekt glaubten, wurden skeptisch. Und schließlich gab es 2003 eine Mehrheit, die einen Ausstieg aus dem Müll-Abenteuer forderte. Der AEV verkaufte seine Anteile an EnBW. Ein Jahr später wurde der Werksvertrag zwischen Thermoselect und TAE gekündigt.
Eine Zeit mit vielen Gerichtsverfahren begann. Erst 2014 setzte der Bundesgerichtshof mit einer abschließenden Entscheidung den Schlussakkord unter dieses Kapitel.Zurück blieb ein markant-roter Farbklecks in dem Waldstück direkt neben der Autobahn. Die Industriebrache wurde zum Magnet für Graffitikünstler und Fotografen, die heimlich dokumentierten, wie sich die Natur das 50.000 Quadratmeter große Grundstück zurückeroberte. Inzwischen gibt es auch das Gebäude nicht mehr. Eine Logistikhalle steht dort. Thermoselect ist nur noch ein kurzer Wikipedia-Eintrag. Die Firma selbst ging im Oktober 2009 in Konkurs und wurde liquidiert. Der AEV blieb auf den Ausgaben für die Planung sitzen. Dennoch waren alle damals verantwortlichen Politiker heilfroh, dass es nicht noch schlimmer gekommen ist. Die drei einstigen AEV-Partner liefern alle bis heute ihren Abfall nach Würzburg. Die dortige Verbrennung ist deutlich günstiger als die Kalkulation für die eigene MVA es je versprochen hätte.