Sirenen-Geheul unterbrach in Ansbach die Stille | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 23.02.2025 07:00

Sirenen-Geheul unterbrach in Ansbach die Stille

Hugo Selnar ist 93 Jahre alt und gehört zu den letzten Zeitzeugen, die von den Bombenangriffen im Februar 1945 berichten können. Er war damals Schüler an der Oberrealschule, dem heutigen Platen-Gymnasium. Kurz vor dem Bombardement musste er noch Schutt wegräumen in seinem Klassenzimmer, dann geriet er in Panik und floh aus dem Schulhaus.

Hugo Selnar ist in der Region bekannt, weil er zwei technisch hoch entwickelte Fensterwerke in Heilsbronn und Schnelldorf aufbaute. Der Pensionär malt, fotografiert und reist gerne. Er wohnt in Dinkelsbühl, einen zweiten Wohnsitz hat er in Spanien an der Küste.

Damals war der Zeitzeuge 13 Jahre alt

„Im Jahr 1931 geboren, bin ich Zeitzeuge des damaligen Ereignisses. Im Februar 1945 war ich 13 Jahre alt, 14 wurde ich erst im August“, erzählt Selnar. „Täglich fuhr ich, zusammen mit vielen Mitschülern, mit der Bahn von Heilsbronn nach Ansbach. Meine Schule, die ORA, also die Oberrealschule, befand sich direkt gegenüber des Bahnhofsgebäudes.“

Im ersten Jahr an der ORA sei er ein schlechter Schüler gewesen, weil er nicht genug lernte, denkt Hugo Selnar zurück. Aus Angst vor Bestrafung habe er sich in den nächsten Jahren ins Zeug gelegt, sodass er schließlich Klassenbester wurde. „Als Belohnung für meine schulischen Leistungen sollte ich vom Direktorat ein Buch bekommen. Ich freute mich schon auf diesen Tag, es war der 23. Februar 1945“, so Selnar. Seine weiteren Erinnerungen hat er für die FLZ aufgeschrieben.

„Nahezu täglich krachte es“

„Am Tag zuvor, kurz nachdem wir Schüler mit der Bahn nach Hause gefahren waren, wurde der Ansbacher Bahnhof durch einen Luftangriff schwer beschädigt. Bis Heilsbronn kam diese Nachricht nicht durch. Nahezu täglich krachte es um uns herum. Als ein Depot der Wehrmacht im nahen Schlauersbach bombardiert wurde, sah ich zu, in der Mittagsstunde vor unserer Haustür stehend.

Ich dachte nur noch an mein Buch, als ich erfuhr, dass es keinen Zug mehr nach Ansbach gab. Kurzerhand bemächtigte ich mich des Fahrrads meiner Mutter und radelte die 17 Kilometer nach Ansbach. Was ich dort sah, erschreckte mich. Nicht nur der Bahnhof war beschädigt, sondern auch mein Schulgebäude. Ein Unterricht konnte nicht mehr stattfinden.

„Das Klassenzimmer sah übel aus”

Eine Gruppe von Schülern, es waren vielleicht so 25 bis 30, stand ratlos am Schulhof. Mehrere Erwachsene, es waren auch einige unserer Professoren dabei, verteilten Schaufeln und Besen. Ich musste mein Klassenzimmer säubern. Es sah übel aus. Alle Fensterscheiben waren zerbrochen. Tische und Bänke waren mit Steinbrocken und Glassplittern übersät. Neben dem Pult lag ein herausgerissener riesiger Fensterrahmen, die schwarze Wandtafel lag zerstört am Boden.

Ich war alleine und verzweifelt. Warum half mir denn keiner? Eimer um Eimer schüttete ich die Brocken aus dem nicht mehr vorhandenen Fenster. Die Stille wurde dann durch lautes Heulen von Sirenen unterbrochen. Ich hatte das schon oft gehört. Durch alle Öffnungen drangen die schrillen Heultöne auf mich ein. So laut und drohend hatte ich das noch nie vernommen.

Kampf gegen die aufkommende Panik

Ich musste gegen eine bei mir aufkommende Panik ankämpfen. Rannte hinaus in den großen Flur und rief verzweifelt und immer lauter: ,Hallo ist da jemand?‘ Zurück kam nur mein Echo, untermalt von den auf- und abschwellenden Sirenentönen. Nun konnte ich meine Panik nicht mehr unterdrücken. Eine Uhr zeigte die Zeit, es war kurz vor halb elf.

Wo sind all die anderen? Sind sie in den Keller geflüchtet oder hatten sie das Gebäude längst verlassen? Hatte man mich vergessen? Ich rannte hinaus zu meinen Fahrrad, ich spürte das kommende Unheil körperlich. Unterwegs kam mir ein Schulfreund entgegen. Er wollte hinein in das Gebäude. Ich stürzte mich auf ihn und rief immer nur: ,Weg, weg, weg!‘ Es dauerte höchstens eine Minute, bis ich ihn mit meiner Panik angesteckt hatte.

Aus den Befürchtungen wurde Realität

Es war ein Damenfahrrad, mit dem ich unterwegs war. Zusammen konnten wir damit nicht fahren. Doch ich hatte eine Idee. Ich fuhr ein paar Hundert Meter, dann ließ ich das Rad liegen und rannte weiter, später überholte mich mein Freund mit dem Rad und ließ es für mich liegen. Wir kamen etwa zehn Kilometer weit, bis aus meinen Befürchtungen Realität wurde. Es war kurz vor Wicklesgreuth. Wir machten eine Pause zum Verschnaufen. Ein dumpfes fernes Brummen lag in der Luft. Kaum vernehmbar, doch stärker werdend.

Es kam von Osten, was mich erstaunte, denn die Gefechtsfront war im Westen. Es wurde immer lauter, die Luft begann zu vibrieren. Dann tauchten die Ersten über den Bäumen des nahen Waldes auf: Es waren zweimotorige Bombenflugzeuge, schwer beladen. Ich begann zu zählen. Fünf, zehn, fünfzehn, zwanzig. Es nahm kein Ende.

Sie flogen in Formation mit drei Staffeln. Gar nicht hoch. Sie wurden nicht behelligt. Es gab keine Luftabwehr mehr. Hoch über den Bombern entdeckte ich zwei sogenannte Pfadfinder. Ich sah die Rauchbomben, die sie zur Markierung des Ziels abgeworfen hatten.

Schwefelgelber Rauch und Lichtblitze

Die Stadt lag schutzlos unter dem todbringenden Geschwader. Die Bomber öffneten ihre Bombenschächte und verwandelten einen Teil der Stadt in einen Trümmerhaufen. Zuerst sah ich schwefelgelben Rauch und Lichtblitze am Horizont, dann dröhnten die Explosionen in meinen Ohren. In diesem Augenblick ahnte ich, dass ich mein Lebensziel, ein Studium, nie erreichen würde.

Danach hatte ich keinerlei Kontakt mehr mit meiner Schule. Ich weiß bis heute nicht, ob ich der vergessene Letzte war oder ob es im Schulgebäude Verletzte oder gar Tote gegeben hat. Drei Monate später war ich Lehrling in der Schreinerei meines Vaters. Für mein Zeugnis hat sich niemand mehr interessiert und das versprochene Buch habe ich auch nicht mehr bekommen.“

Hugo Selnar ist 93 Jahre alt und einer der wenigen Zeitzeugen, die noch von den Bombenangriffen berichten können. (Foto: Uta Stomberg)
Hugo Selnar ist 93 Jahre alt und einer der wenigen Zeitzeugen, die noch von den Bombenangriffen berichten können. (Foto: Uta Stomberg)
Hugo Selnar ist 93 Jahre alt und einer der wenigen Zeitzeugen, die noch von den Bombenangriffen berichten können. (Foto: Uta Stomberg)
Dieses Bild zeigt die Verwüstungen im Bereich des Bahnhofsplatzes und der heutigen Bischof-Meiser-Straße. Auch die Oberrealschule wurde teilweise zerstört. (Foto: FLZ-Archiv/Ernst Güth)
Dieses Bild zeigt die Verwüstungen im Bereich des Bahnhofsplatzes und der heutigen Bischof-Meiser-Straße. Auch die Oberrealschule wurde teilweise zerstört. (Foto: FLZ-Archiv/Ernst Güth)
Dieses Bild zeigt die Verwüstungen im Bereich des Bahnhofsplatzes und der heutigen Bischof-Meiser-Straße. Auch die Oberrealschule wurde teilweise zerstört. (Foto: FLZ-Archiv/Ernst Güth)

Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

"I have never written a word that did not come from my heart. I never shall."
Nellie Bly
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