Vladimir Hubert aus Bad Windsheim hält die Geschichte seiner russlanddeutschen Vorfahren in Händen. Und blättert durch die 48 Seiten des „Familienbuchs“. Es ist ein Dokument unsäglichen Leids, in dem von Tod und Unterdrückung erzählt wird, aber auch von Freude, Hoffnung und Liebe.
Vor 30 Jahren, am 23. September 1993, kam Vladimir Hubert mit seinen Eltern nach Bayern. Er war damals gerade 18 Monate alt, geboren am 2. März 1992 in Aktjubinsk, Kasachstan. „Spätaussiedler“ nannte man Vladimir und seine Eltern nun, die Russlanddeutschen aus der ehemaligen UdSSR. Bereits am 3. Januar 1990 war ein anderer Teil der Familie am Flughafen in Frankfurt am Main angekommen, darunter Groß- und Urgroßeltern. Da sie bereits vor dem 1. Januar 1993, ausgereist waren, nannte man sie schlicht „Aussiedler“. So wollte es die Bürokratie.
Heute, 30 Jahre später, hat Vladimir Hubert die Geschichte seiner Familie in Wort und Bild festgehalten. Was vielen in seinem Alter schwerfällt, macht er mit souveräner Leichtigkeit: Seine Vorfahren auf den alten Schwarz-Weiß-Fotos mit Namen benennen und Geschichten über sie weitergeben. Er kann das alles problemlos abrufen, weil seine Uroma Elvira Messerle es ihm als Kind erzählt hat. Immer wieder.
Dass die Familie Messerle im Jahr 1680 aus der Schweiz nach Kornwestheim in Baden-Württemberg umgesiedelt ist. Dass sie 1833 aus Glaubensgründen in die deutsche Kolonie nach Lichtental in Bessarabien ging und 1868 weiter in den Nordkaukasus. Dort haben sie mit anderen die Kolonie „Tempelhof“ gegründet. „Am 20. Oktober 1941 wurde unsere Familie schließlich aus dem Nordkaukasus nach Kasachstan verschleppt“, schreibt Hubert. Man habe sie in Viehwaggons gesteckt und zum Kaspischen Meer gebracht. Anschließend sei es mit einem Schiff weitergegangen.
Miterlebt hat die Vertreibung Huberts Ururoma, Ella Riffel. Ihr Schicksal zieht sich durch das gesamte „Familienbuch“. Sie musste den frühen Tod ihrer Eltern verwinden, im Jahr 1938 dann den Tod ihres Mannes Jakob. Als sie übers Kaspische Meer nach Kasachstan verschleppt wurde, erfror ihr Kind in ihren Armen. Die Peiniger warfen die tote Rebekka über Bord. Im Exil angekommen, seien sie von niemandem empfangen worden, heißt es. In einem „Niemandsland aus Steppe und Wüste“, auf kalter Erde, habe man fortan versucht zu überleben.
„Endlich dahom“, soll Ella schließlich gesagt haben, als sie am 3. Januar 1990 nach Deutschland gekommen war. Da saß sie schon im Rollstuhl, sie starb am 6. Dezember desselben Jahres in Nördlingen.
Mit seinem Familienbuch, das er 20 Mal hat drucken lassen, hat Hubert den Frauen, seiner Uroma Elvira und seiner Ururoma Ella, ein Erinnerungs-Denkmal gesetzt. Damit steht ihr Schicksal stellvertretend für das so vieler Russlanddeutscher. Rund 2,5 Millionen Spätaussiedler gibt es deutschlandweit, 400.000 davon leben in Bayern.
Doch das neue Leben in der vermeintlichen Heimat gestaltete sich unerwartet schwierig, betont Hubert. „Viele haben sich hier nicht angenommen gefühlt, ihre Ausbildungen und Hochschulabschlüsse wurden nicht anerkannt, es hat auf kommunaler Ebene keine Integration stattgefunden. Sie fühlten sich wieder wie Fremde, haderten mit ihrem Schicksal, hatten mit Vorurteilen zu kämpfen.“ Das hat der 30-Jährige selbst erlebt. Im Kindergarten und später in der Schule, wurde er nur als „der Russe“ gesehen. Noch heute wird er gefragt, warum er einen russischen Vornamen hat, wenn er doch Deutscher ist? Warum er fließend Russisch spricht?
Mit dem Familienbuch hat Hubert die Geschichte seiner Familie und damit auch seine eigene ein Stück weit aufgearbeitet. „Ich habe das für mich selbst gebraucht“, sagt er. Es habe ihm noch einmal klar gemacht, wo seine Wurzeln sind. Dass seine Vorfahren an ihrem Schicksal nicht zerbrochen sind, macht ihn stolz. „Trotz der Unterdrückung und der Vertreibung hat meine Familie nie ihre Identität verloren.“ Sie habe an Traditionen und Bräuchen festgehalten und sie bewahrt.
An seinem Geburtsort Aktjubinsk war Hubert im Jahr 2001 noch einmal gemeinsam mit seiner Großmutter. Sie besuchten ihre Ahnen auf dem Friedhof, gedachten ihrer. 2018 reiste er schließlich allein nach Kasachstan. Diesmal schaute er sich in der Hauptstadt Astana die Kunst und Kultur an, sprach mit Einheimischen. Trotz seines Namens und seines guten Russisch war er hier aber wieder „der Deutsche“. Hubert nimmt das so hin, hadert nicht.
In Deutschland hat er die Erfahrung gemacht, dass viele vom Schicksal der Spätaussiedler gar nichts wissen. Er bedauert das sehr und versucht, in seiner direkten Umgebung darüber zu informieren. So sieht er sich ein bisschen als „Brückenbauer“. In dieser Funktion war er jüngst auch im Bayerischen Kulturzentrum der Deutschen aus Russland in Nürnberg. Dort hat er ein Selfie mit Ministerpräsident Markus Söder gemacht, der dort anlässlich einer Veranstaltung zum Thema „30 Jahre Spätaussiedler in Bayern“ gesprochen hatte. Vladimir Hubert hofft, dass sich künftig auch Kommunalpolitiker verstärkt des Themas annehmen und auf Ortsebene mehr für die Integration von Spätaussiedlern tun.