Zwei Lehrer berichten: Wie lässt sich die NS-Geschichte in der Schule vermitteln? | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 20.06.2025 08:00

Zwei Lehrer berichten: Wie lässt sich die NS-Geschichte in der Schule vermitteln?

80 Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen. Zeitzeugen, die von den Schrecken berichten können, gibt es kaum mehr. Wie gehen Geschichtslehrer heute mit dem Thema um? Wie vermitteln sie es? Wir haben mit Dr. Frank Fätkenheuer, Lehrer am Gymnasium Carolinum, und dem angehenden Geschichtslehrer David Fuchs gesprochen.

Die meisten Schülerinnen und Schüler kennen niemanden mehr, der den Krieg und den Naziterror miterlebt hat. Ihre Großeltern können höchstens von der Nachkriegszeit erzählen. Hat das Folgen im Unterricht?

Dr. Frank Fätkenheuer: Tatsächlich hat sich viel geändert im Vergleich zum früheren Unterrichten. Man versucht ja immer, von dem auszugehen, was die Schüler mitbringen. Früher habe ich im Unterricht immer gefragt, wer in der Generation der Großeltern einen Vertreibungs- oder Fluchthintergrund hat. Viele in der Klasse haben dann aufgezeigt. Wenn ich heute danach frage, schaue ich in leere Gesichter, weil die Jugendlichen meist gar nicht wissen, ob es in ihrer Familie so einen Hintergrund gibt. Damit ist die Geschichte, die früher emotional mit Menschen besetzt war, zu einer fernen Geschichte geworden. Der persönliche Bezug ist weg.

Haben Sie selbst einen entsprechenden Hintergrund?

Fätkenheuer: Ja, mein Vater kam als Flüchtling aus dem Gebiet östlich der Oder, und es war in meiner Jugend unvermeidlich, dass das Thema Flucht und Vertreibung an jedem Wochenende nach dem Schweinebraten aufkam. Somit war ich immer ganz nah an diesem Thema dran. Es gab eine tiefe biografische Verletzung und Wunde in meiner Familie, was mich natürlich beschäftigt hat.

Bericht von einer Fahrt durchs Ghetto

Kam zu dieser privaten Prägung auch eine durch die Schule?

Fätkenheuer: Auf jeden Fall, denn ich hatte Lehrer, die noch direkt vom Krieg erzählt haben. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine ziemlich alte Lehrerin, die uns von einer Fahrt durch ein Ghetto berichtet hat. Das hat mich geprägt, weil ich mir vorstellte, wie nah sie dran war an diesen schrecklichen Ereignissen. Ich hatte dann auch einen Geschichtslehrer, der sehr aktiv im Erforschen der jüdischen Geschichte vor Ort war und der uns stark auf die jüdische Perspektive gebracht hat.

Herr Fuchs, Sie sind 23 Jahre alt und damit nicht viel älter als die Schülerinnen und Schüler der höheren Klassen. Wie ist bei Ihnen das Interesse für Geschichte erwacht?

David Fuchs: Ich persönlich fand das Fach Geschichte in der Schule schon ab der ersten Stunde total interessant. Ab der neunten Klasse haben wir uns zum ersten Mal intensiv mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt und das Thema sehr breit behandelt. Und im privaten Umfeld haben meine Großeltern einiges aus der Nachkriegszeit erzählt. So gab es bei mir schon noch einen persönlichen Bezugspunkt. In Zukunft wird es den bei den Schülerinnen und Schülern immer weniger geben.

Ist das Fehlen dieses unmittelbaren Bezuges aus Ihrer Sicht ein Problem?

Fuchs: Ganz bestimmt, denn es ist viel schwieriger, sich in die Geschichte hineinzudenken, wenn sie in der Familie nie ein Thema gewesen ist, weil es keine persönlichen Erinnerungen gibt. Und noch viel komplizierter ist es für Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund. Das sind noch andere Herausforderungen.

Das Befassen mit Orten bewegt etwas

Welche Wege kann es denn geben, um bei den Jugendlichen dennoch Interesse zu wecken?

Fätkenheuer: Mir ist es immer wichtig, im Regionalen verankert zu sein. Da gibt es auch weiterhin Anknüpfungspunkte – wenn es keine Menschen mehr gibt, können es Orte sein. Allein wenn man im Unterricht Fotos aus den FLZ-Dokumentationen oder aus dem Buch ,Ansbach unterm Hakenkreuz‘ zeigt, bewegt das etwas. Die Schüler sehen auf den alten Bildern, wie kaputt Ansbach nach den Bombenangriffen war, wie schlimm der Bahnhofsplatz ausgesehen hat. Dieser lokale Bezug ist extrem wichtig. So merken die jungen Leute, dass der Krieg nicht weit weg war. Er war genau hier in Ansbach, und er war mit all seinen Schrecken hier.

Die Bombenangriffe sind nur eine grausame Facette des von den Nazis begonnenen Krieges. Welche weiteren Anknüpfungspunkte finden Sie für die Schüler?

Fätkenheuer: Wir können hier in Ansbach viele NS-Themen unmittelbar darstellen – zum Beispiel mit Blick auf die Ansbacher Außenstelle des KZ Flossenbürg und die Euthanasie im BKH, aber auch auf den Widerstand durch die Gruppe um Robert Limpert. Diese lokalen Bezugspunkte bleiben, auch wenn die Zeitzeugen weg sind. Die ganze NS-Geschichte kann man so lokal verorten.

Fuchs: Die Verknüpfung mit der eigenen Heimat, in Ansbach zum Beispiel mit Robert Limpert, finde auch ich sehr wichtig. So kann man emotionale Bezüge schaffen. Mit Robert Limpert kann man sich als Schüler identifizieren, weil er ja ein ganz junger Kerl war – ein junger Kerl, der sich für den Frieden eingesetzt hat und dafür gestorben ist.undefined

Portale mit Zeitzeugen-Interviews

Dennoch waren früher die persönlichen Begegnungen etwa mit Zeitzeugen jüdischen Glaubens, die in den Unterricht kamen, besonders eindringlich. Gibt es Alternativen für solche Begegnungen?

Fätkenheuer: Die KI ermöglicht es inzwischen, mit verstorbenen Personen zu reden. Dafür wurden alte Interviews mit den Menschen analysiert und verarbeitet. Da ist für mich allerdings eine Grenze überschritten, ich möchte mich nicht mit der KI-Stimme von Margot Friedländer unterhalten. Es gibt aber auch ganz viele Portale mit echten Zeitzeugen-Interviews zu dem Bereich Shoa, die sehr gut gemacht sind. Damit kann man im Unterricht gut arbeiten.undefined

Viele junge Leute beziehen Ihre Informationen privat aber nicht aus seriösen Portalen, sondern eher aus sozialen Medien – auch Informationen zu historischen und politischen Themen. Wie kann man als Lehrer darauf reagieren?

Fuchs: Die jetzige Schüler-Generation hat ganz viel Halbwissen aus sozialen Netzwerken und wird dort auch mit Ideologien konfrontiert. In den Kommentaren schließen sich Tausende Leute an – und dann schließt man sich eben selber an, ohne nachzudenken. Hier sind wir Lehrer gefragt, weil es unser übergeordnetes Bildungsziel sein muss, mündige und kritische Bürger hervorzubringen, die nicht blind Autoritäten nachlaufen. Es ist elementar, dass wir vermitteln, wie man sich kritisch eine eigene Meinung bildet, statt einfach Meinungen aus TikTok oder Instagram zu übernehmen.

Fätkenheuer: Das ist allerdings eine fachübergreifende Aufgabe, die über den Geschichtsunterricht hinausgeht. Medienerziehung wird immer bedeutender. Die neue Generation von Referendaren und Lehrern ist ja näher dran an TikTok und so weiter, und das ist wichtig, denn wir müssen die Welt der Schüler wahrnehmen und darauf eingehen.

„Es geht nicht um Schuld”

Manche Leute, auch manche Politiker, sind der Meinung, man sollte die alten Kriegsgeschichten nicht immer wieder erzählen und das Thema abhaken. Wie sehen das Ihre Schüler? Und wie sehen Sie es?

Fätkenheuer: Ich habe mich dazu bei uns an der Schule umgehört – in der neunten Klasse, wo man die NS-Zeit schwerpunktmäßig behandelt, in der zehnten und in der zwölften. Die Meinung war einhellig: Nein, das Thema NS ist nicht zu breit getreten, es wird als angemessen gesehen. Angesichts der Bedeutung für unsere Geschichte meinten manche sogar, es könnte noch ausführlicher sein.

Fuchs: In sozialen Medien ist immer wieder mal zu lesen, dass man das Thema im Geschichtsunterricht weglassen solle. Dass man die Kinder nicht mit der Kriegsschuld belasten solle. Aber es geht nicht um Schuld, sondern darum, dass man versteht, was damals passiert ist – vom Zerfall der gesellschaftlichen Werte bis zur systematischen Ausgrenzung und Verfolgung. Wir müssen vermitteln, wie es dazu kommen konnte – und dass sich so etwas auf keinen Fall wiederholen darf.

Historiker aus verschiedenen Generationen: David Fuchs (23) hat sein Geschichtsstudium bald beendet, während Dr. Frank Fätkenheuer (57) seit mehreren Jahrzehnten Geschichte unterrichtet. (Foto: Lara Hausleitner)
Historiker aus verschiedenen Generationen: David Fuchs (23) hat sein Geschichtsstudium bald beendet, während Dr. Frank Fätkenheuer (57) seit mehreren Jahrzehnten Geschichte unterrichtet. (Foto: Lara Hausleitner)
Historiker aus verschiedenen Generationen: David Fuchs (23) hat sein Geschichtsstudium bald beendet, während Dr. Frank Fätkenheuer (57) seit mehreren Jahrzehnten Geschichte unterrichtet. (Foto: Lara Hausleitner)

Zu den Personen

Dr. Frank Fätkenheuer ist in Wertheim am Main aufgewachsen. Er studierte Deutsch und Geschichte fürs Lehramt am Gymnasium an der Universität Göttingen und promovierte über ein Thema der frühen Neuzeit. Seit 2002 ist Fätkenheuer Lehrer am Ansbacher Gymnasium Carolinum. Der 57-Jährige leitet verschiedene Geschichts-AGs, unter anderem in Kooperation mit dem Freilandmuseum Bad Windsheim zum Thema Zwangsarbeit in Mittelfranken, und forscht zu Robert Limpert und seiner Widerstandsgruppe. Der Ansbacher David Fuchs studiert seit Herbst 2020 an der Uni in Würzburg Latein, Geschichte und Altgriechisch. Im Frühjahr wird er sein Staatsexamen ablegen. Der 23-Jährige war am Forschungsprojekt „Forum für Antike und Gesellschaft“ beteiligt, das antike Texte und deren Inhalte für eine breite Öffentlichkeit zugänglich gemacht hat – unter anderem mittels Podcasts und Videos. Fuchs interessiert sich auch für Historical Game Studies, also Computerspieleforschung, und hat dazu für eine Fachzeitschrift geschrieben.


Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

"I have never written a word that did not come from my heart. I never shall."
Nellie Bly
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