Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat auch Auswirkungen auf die Städtepartnerschaft zwischen Rothenburg und Susdal. Offizielle Partnerschaftsreisen gibt es seit Kriegsbeginn nicht mehr. Im Februar 2020 waren zuletzt 33 Menschen aus Rothenburg in Susdal.
Dass vieles anders ist seit Februar 2022, das macht sich schon auf dem Weg nach Susdal mehr als bemerkbar: Der Reiseweg hat sich stark verändert. Erwin Bauer erzählt, dass er „früher” nach drei Flugstunden plus einer Autofahrt schon in der russischen Partnerstadt, die etwa 220 Kilometer östlich von Moskau liegt, war. Heute ist er fast einen ganzen Tag unterwegs. Aus dem Direktflug wurde eine Route, die zum Beispiel über die Türkei, Dubai oder Aserbaidschan führt. Denn Erwin Bauer und auch Harald Wohlfahrt halten ihre teils jahrzehntelangen Freundschaften in die russische Partnerstadt aufrecht – und besuchen sie weiter.
Bauer, der seit 2020 Vorsitzender des Rothenburger Vereines für Städtepartnerschaften und internationale Begegnungen ist, und auch Harald Wohlfahrt betonen, dass es ihnen um die Menschen, die Freundschaften und die seit Jahrzehnten bestehende Partnerschaft der beiden Städte (seit 1988) gehe. „Da haben sich lebenslange Freundschaften gebildet, auch neue Familien sind beispielsweise durch Ehen entstanden”, erklärt Bauer. Die beiden sind nicht die Einzigen, die die Partnerstadt weiterhin privat besuchen. Im Jahr 2024 hat Susdal sein 1000-jähriges Bestehen gefeiert – 15 Menschen aus Rothenburg und Umgebung waren dort. Übrigens: Eine Gruppe aus Susdal war zuletzt im Jahr 2018 in Rothenburg.
Bauer ist seit 34 Jahren in Russland unterwegs, wie er erzählt. Die Entwicklung Susdals hat er entsprechend mitverfolgt und sagt, die Stadt ist „im besten Zustand aller Zeiten”. Alles sei neu gemacht, restauriert worden – pünktlich zu den 1000-Jahr-Feierlichkeiten. „Jede Straße neu asphaltiert, jeder Weg neu gepflastert, jede Kirche neu gestrichen, jede Kirchenkuppel neu vergoldet und, und, und.”
Auf die Frage, wie die Stimmung vor Ort in Susdal ist, sagt Bauer: „Ich habe niemanden getroffen, der diese kriegerische Auseinandersetzung will.” Die Stimmung sei mit Blick auf die Offenheit nach außen eher gedrückt. Doch das Leben gehe weiter: Im Dezember 2025 sei eine komplett neue Schule in der Stadt für 1300 Schülerinnen und Schüler eröffnet worden. Es gebe eine neue Poli-Klinik, ein neues Kulturzentrum. Diese Projekte seien auch auf die 1000-Jahr-Feierlichkeiten zurückzuführen, so Bauer. Inlandstourismus habe stark zugenommen, auch die Türkei sei zum Beispiel ein starkes Urlaubsland für die Menschen aus Russland. Auch Thailand und Indonesien lägen im Trend.
Für Wohlfahrt und Bauer geht es um die Menschen: „Die Freundschaft bleibt bestehen”, sagt dazu Bauer. Das ist auch Wohlfahrt persönlich sehr wichtig, wie er betont. „Sehr gefreut” hat er sich bei seinem bislang jüngsten Besuch in Susdal, dass „Freunde vor Ort den an prägnanter Stelle in Susdal stehenden Rothenburg-Wegweiser gereinigt und wieder auf Hochglanz gebracht haben”.
Nachgefragt im Rathaus, sagt Oberbürgermeister Dr. Markus Naser, dass alle städtischen Aktivitäten in Sachen Partnerstadt Susdal offiziell pausieren, solange der Krieg nicht beendet ist. Rothenburg hat noch zwei weitere Partnerstädte: das französische Athis Mons seit dem Jahr 1976 und seit 2011 Uchiko in Japan.