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Veröffentlicht am 04.05.2025 09:00

Am Ende des Zweiten Weltkrieges tobten in Westmittelfranken heftige Kämpfe

Nie wieder darf von deutschem Boden ein Krieg ausgehen. Das „Nie wieder“ aus dem Schwur von Überlebenden des Konzentrationslagers in Buchenwald steht auf einigen KZ-Mahnmalen. Vor rund 80 Jahren wurden die Todeslager der Nazis befreit.

Am 8. Mai 1945 kapitulierte die Wehrmacht bedingungslos. Wichtige Weichen dafür wurden im April 1945 im Gebiet der heutigen Landkreise Neustadt/Aisch-Bad Windsheim und Ansbach gestellt. Dies ergibt sich aus der militärischen Analyse des Experten Stephen G. Fritz.

Der Professor für Geschichte an der East Tennessee State University in den USA erforschte die intensiven Kämpfe, zu denen es in den ersten Aprilwochen 1945 in unserer Region kam. Die US-Armee stieß im Bereich der Frankenhöhe und des Steigerwalds auf unerwartet heftigen Widerstand.

„So enden Kriege, mit einem Knall, nicht mit einem Wimmern: Mittelfranken im April 1945“: Dies ist in deutscher Übersetzung der Titel eines englischsprachigen Aufsatzes von Fritz, den er nun auf Anfrage übermittelte. Der US-Professor hatte vor über 20 Jahren bereits Kontakt mit der FLZ aufgenommen. Denn er zitierte aus einem FLZ-Artikel, den die Bundeszentrale für politische Bildung in eine Textsammlung zum damals 50-jährigen Kriegsende aufgenommen hatte.

Drei gezielte Schüsse aus nächster Nähe

In dem Artikel wird geschildert, wie der Gestapomann Karl S. am 13. April 1945 im damaligen Windsheim die Fabrikantenehefrau Christine Schmotzer ermordet hatte. Blitzschnell mit drei gezielten Schüssen aus nächster Nähe, ohne dass ihr neben ihr stehender Ehemann Johann Schmotzer noch eine Chance zur Gegenwehr gehabt hätte.

Christine Schmotzer wurde Opfer des Amoklaufs fanatischer Nazis gegen zahlreiche mutige Deutsche – Bürger, die sich gegen eine sinnlose Verteidigung ihrer Dörfer und Städte engagierten. Christine Schmotzer soll für dieses Ziel mit vielen anderen Windsheimern auf dem Marktplatz demonstriert haben. Sie bezahlte dies mit dem Leben, doch ihr Engagement war nicht vergeblich. Denn Windsheim wurde am 15. April kampflos der US-Armee übergeben, ebenso wie am 16. April Neustadt/Aisch.

In Ansbach hatte indes der 19-jährige Robert Limpert eine Telefonverbindung zu deutschen Truppen durchtrennt. Robert Limpert wurde am 18. April 1945 wegen dieser Widerstandstat an einem Haken am Ansbacher Rathaus gehenkt, kurz vor dem Eintreffen amerikanischer Truppen in der Stadt.

Auch viele Soldaten auf beiden Seiten kamen noch bei den Kämpfen so kurz vor Kriegsende ums Leben, nicht selten vor den Augen von Dorfbewohnern. Besonders unter die Haut geht ein Augenzeugenbericht einer Wilhermsdorferin vom 15. April 1945, den Professor Stephen G. Fritz zitiert.

Während heftiger Kämpfe um den Ort sah die Zivilistin einen der deutschen Soldaten, der schon verwundet war. Er riss die Hände hoch und winkte mit einem weißen Taschentuch. Dann brach er plötzlich zusammen, wahrscheinlich erneut getroffen. „Er schrie laut um Hilfe. Die ganze Zeit schrie er ,Mutter hilf mir! Mutter hilf mir!‘ Aber niemand konnte ihm helfen. Jeder, der es versucht hätte, wäre selbst getötet worden. Allmählich wurden seine Schreie immer schwächer, und dann war alles still“, so die Zeugin.

Den Weg zu den Alpen abschneiden

Umso ohrenbetäubender war der Geschützlärm vielerorts in Westmittelfranken. Warum hatte es seinerzeit eine große strategische Bedeutung? Ende März 1945 überquerte die US-Armee unter anderem bei Worms den Rhein. Nun entschloss sich General Dwight D. Eisenhower, der spätere US-Präsident, in Richtung Berlin nicht mit seinen gesamten Truppen vorzustoßen.

Stattdessen wandten sich starke Kräfte der US-Armee in Richtung Westmittelfranken, das schon sehr früh eine absolute Hochburg der Nazipartei war. Denn Eisenhower wollte den zurückweichenden deutschen Soldaten den Weg zur viel beschworenen Alpenfestung abschneiden. Fritz: „Die deutsche Hauptverteidigungslinie und das Haupthindernis für die US-Einheiten, um den Rückzug der Deutschen zu blockieren, waren die bewaldeten Hügel von Steigerwald und Frankenhöhe westlich von Nürnberg, ein ideales Terrain zur Verteidigung.“

Auf Seiten der Wehrmacht kämpften auch SS-Einheiten sowie der Volkssturm. Die hastig installierte deutsche Verteidigungslinie, so der Historiker, „stoppte abrupt das rasche Vorrücken der US Seventh Army“. Fritz weiter: „Mittendrin gefangen war die Bevölkerung von Mittelfranken.“ Nachdem sich die US-Einheiten bei Königshofen über die Tauber gekämpft hatten, wandten sie sich rasch in Richtung Windsheim und Neustadt/Aisch, um Zugang zur Frankenhöhe zu bekommen.

Brennende Dörfer, Leichen auf der Straße

Die Liste der ab etwa 3. April 1945 heftig umkämpften Orte ist lang. Beispiele im heutigen Kreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim sind Herrnberchtheim und Bullenheim. Auch bei Mönchsondheim im Kreis Kitzingen stießen die GIs ab 6. April 1945 auf heftigen Widerstand. Als sie das durch die Kämpfe brennende Dorf erobert hatten, sahen sie tote Deutsche in den Straßen liegen, „während Überlebende benommen und ängstlich aus den Gebäuden taumelten, um sich zu ergeben“.

Schließlich gelang es den US-Soldaten, zum Beispiel im Raum Ippesheim und Uffenheim die deutschen Verteidigungslinien zu durchbrechen. Beispielhaft für sinnloses Leid ist der Weigenheimer Ortsteil Reusch. Der amerikanische Kommandeur schlug vor, dass alle Bewohner Reusch verlassen dürften, um sich zu ergeben. Doch der deutsche Befehlshaber verweigerte dies und drohte, alle zu erschießen, die versuchten, aus dem Dorf zu fliehen. Daraufhin bombardierten am Nachmittag des 11. April amerikanische Flugzeuge den Ort heftig, während gleichzeitig Panzer angriffen.

Überlegene Feuerkraft gezielt eingesetzt

Die deutschen Truppen verschanzten sich schließlich an einer Linie zum Beispiel an der Aisch und der Frankenhöhe bis Nürnberg. Nun rückten die GIs nur noch langsam und vorsichtig vor und nutzten verstärkt ihre massive Artillerie- und Luftüberlegenheit.

Selbst vor kleinen Dörfern sprangen die Soldaten von ihren Fahrzeugen ab und näherten sich über das Gelände den ersten Gebäuden. Wenn daraufhin aus dem Ort Schüsse abgegeben wurden, antworteten die Amerikaner mit massivem Beschuss des ganzen Dorfs. Somit wurden allein am 12. April, so Fritz, Hemmersheim, Ulsenheim, Markt Nordheim und Herbolzheim nahezu total zerstört.

Schließlich gab es keine durchgehende Frontlinie mehr. Doch selbst hastig zusammengestellte deutsche Kampfgruppen bereiteten der US-Armee im Gelände und im Umfeld der Ortschaften weiterhin große Probleme.

Dies galt auch beim Vorrücken auf Ansbach. Am 18. April wurde die Regierungshauptstadt sowohl aus Richtung Heilsbronn als auch vom heutigen Lehrberger Ortsteil Brünst aus eingenommen, ohne dass es in der Stadt selbst noch zu größeren Kämpfen kam. Um Wolframs-Eschenbach und Merkendorf wurde aber wieder gekämpft.

Einzelne hielten sich nicht an Vereinbarung

Die US-Armee stieß weiter in Richtung Donau vor. Die Stadt Dinkelsbühl entging knapp einer Eskalation, als am 20. April, Hitlers Geburtstag, und am 21. April die Amerikaner dort einrückten. Es war eine kampflose Übergabe vereinbart. Aber es hatten sich, um nur ein Beispiel zu nennen, Hitlerjungen nördlich der Altstadt verschanzt. Als sie US-Panzer beschossen, wurden mehrere GIs verwundet.

Ohne organisierte Gegenwehr marschierte die US-Armee am 20. April auch in Feuchtwangen ein.

Dass Westmittelfranken militärisch in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs in Deutschland sehr wichtig war, daran lässt Professor Stephen G. Fritz keinen Zweifel. Mit dem Ende der Kämpfe in der Region hatte die US-Armee im Wesentlichen, so sein Fazit, „den letzten größeren deutschen Widerstand überwunden“.

Das Tor zur Befreiung Deutschlands wurde somit insbesondere in Westmittelfranken weit aufgestoßen.

US-Soldaten in der Dinkelsbühler Altstadt, in die sie am 20. April 1945 eingerückt waren. (Repro: Heinrich Binder)
US-Soldaten in der Dinkelsbühler Altstadt, in die sie am 20. April 1945 eingerückt waren. (Repro: Heinrich Binder)
US-Soldaten in der Dinkelsbühler Altstadt, in die sie am 20. April 1945 eingerückt waren. (Repro: Heinrich Binder)
Sie wurde am 13. April 1945 von der Gestapo in Bad Windsheim ermordet: Christine Schmotzer mit ihrem damals weniger als ein halbes Jahr alten Sohn. (Foto: privat)
Sie wurde am 13. April 1945 von der Gestapo in Bad Windsheim ermordet: Christine Schmotzer mit ihrem damals weniger als ein halbes Jahr alten Sohn. (Foto: privat)
Sie wurde am 13. April 1945 von der Gestapo in Bad Windsheim ermordet: Christine Schmotzer mit ihrem damals weniger als ein halbes Jahr alten Sohn. (Foto: privat)
Auf dem Martin-Luther-Platz erinnert eine Stele an die mutigen Ansbacher, die im Dritten Reich den Nazis Widerstand leisteten. Dies ist der Ort, an dem der 19-jährige Robert Limpert ermordet wurde. (Foto: Kurt Güner)
Auf dem Martin-Luther-Platz erinnert eine Stele an die mutigen Ansbacher, die im Dritten Reich den Nazis Widerstand leisteten. Dies ist der Ort, an dem der 19-jährige Robert Limpert ermordet wurde. (Foto: Kurt Güner)
Auf dem Martin-Luther-Platz erinnert eine Stele an die mutigen Ansbacher, die im Dritten Reich den Nazis Widerstand leisteten. Dies ist der Ort, an dem der 19-jährige Robert Limpert ermordet wurde. (Foto: Kurt Güner)

Von Kurt Güner
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