Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Ein Verzeichnis aller Hausbewohner | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 21.02.2025 18:51

Ansbacher Alltag vor 100 Jahren: Ein Verzeichnis aller Hausbewohner

In der Woche ab Montag, 16. Februar 1925, sucht die Fränkische Zeitung einen Auszubildenden für die Redaktion. „Bedingung: Absolvent einer sechsklassigen Mittelschule, gewandter Stil, flottes Stenographieren, Kenntnis im Maschinenschreiben, Alter nicht über 17 Jahre.“ Die damalige Mittelschule entspricht der heutigen Realschule.

Es wird ausdrücklich „ein Berichterstatter“ gesucht. Ob bei der Fränkischen Zeitung auch Frauen arbeiteten, wissen wir nicht, denn unter den Artikeln ist nie der Autor genannt. Journalistinnen gab es natürlich in den 1920ern und auch schon im 19. Jahrhundert, aber vielleicht nicht im kleinen Ansbach.

Fest in Frauenhand ist dagegen der Beruf der Telefonistin. Der Grund: Hohe Frauenstimmen sind angeblich in der Leitung, in der es häufig rauscht und knistert, besser zu verstehen als Männerstimmen. Die Ansbacher Telefonistinnen werden bald rund um die Uhr eingesetzt, denn „nach einer Befragung der hiesigen Fernsprechteilnehmer“ soll ein Telefonnachtdienst eingerichtet werden.

Fernsprechteilnehmer zahlen anteilig

„289 Teilnehmer haben sich für den Nachtdienst ausgesprochen, 92 stimmten mit Nein“, berichtet die Zeitung. „Zweifellos wird nunmehr die Oberpostdirektion den Nachtdienst einführen. Der Mehraufwand wird nach den Bestimmungen der Post auf alle Teilnehmer gleichmäßig verteilt und wird etwa 2,80 Mark bis 3 Mark für den Teilnehmer im Vierteljahr ausmachen.“

Die Telefonistinnen haben die Aufgabe, eingehende Anrufe manuell zu vermitteln. Denn eine direkte Verbindung zwischen zwei Gesprächsteilnehmern ist Mitte der 1920er noch längst nicht überall möglich. Das „Fräulein vom Amt“ hört bei den Gesprächen stets mit, still und diskret.

„Bunte Maskenkneiperei“ und weiße Perücken

Überall wird in Ansbach diese Woche Fasching gefeiert: Beim Turnerbund, beim Realschul-Absolventen-Verband und beim Männer-Gesangverein Elpersdorf steht „Fastnachtsunterhaltung mit fideler Musik“ auf dem Programm, im Café Probst ein „großes Faschings-Kellerfest“, im Hotel Deutscher Kaiser ein „karnevalistischer Bierabend“ und im Gasthaus zum Goldenen Löwen eine „bunte Maskenkneiperei“.

Wer noch kein Kostüm hat, wird bei W. Schramm am Oberen Markt fündig. Er preist weiße und bunte Perücken an: „Die große Mode für Ball und Redoute.“

Oberpostschaffner unterschlägt Dollars

Gar nicht lustig ist dagegen der Polizeibericht. Demnach wurde ein Mann festgenommen, der sich an mehreren vierjährigen Mädchen sittlich vergangen hat. Der 45-Jährige kommt aus Neresheim und hielt sich in Ansbach auf, um mit Hunden und Katzen zu handeln. Verhaftet wird zudem der Oberpostschaffner Schuster – „wegen Unterschlagung von Briefen, welche von Amerika kamen und Geldnoten enthielten“.

Der rechtsextreme Völkische Block weist in seiner Annonce auf einen Vortrag für „die deutschdenkende Bevölkerung“ hin. Das Thema: „Der arische Mensch und seine Herkunft“.

Die Zeitung kündigt die Veranstaltung geradezu schwärmerisch an: „Es spricht Herr Rudolf John Gorsleben. Der spannende Vortrag wird einen anregenden Abend bringen, wie sie nicht oft geboten werden. Er ist bekanntlich der erfolgreiche Uebersetzer der Edda, unserer ältesten germanischen Literatur-Denkmäler. Er wird die Heimat unserer Rasse aufzeigen aus den frühesten Zeiten und ihren Werdegang bis in die Gegenwart. Nichts ist falscher, als daß die Menschen gleich seien.“

Der in Metz geborene Gorsleben wohnt seit 1922 in Dinkelsbühl, wo er unter anderem im Fachwerk der Häuser Runen zu erkennen glaubt und eine Edda-Gesellschaft gegründet hat, in der er mehrere hundert Mitglieder um sich schart. Er beschäftigt sich obsessiv mit Esoterik, Runenmagie, dem mythischen Inselreich Atlantis und der sogenannten Ariosophie, einer antisemitisch-rassistischen religiösen Bewegung.

Wildgänse ziehen über die Stadt

In der Würzburger Straße hat sich eine „schwarze, junge Henne verlaufen“. Ob sie in die Freiheit wollte, dem Ruf der Wildgänse folgend? „Am Montag nachmittag wurde auf der Höhe bei Pfaffengreuth ein Schwarm von mindestens hundert Wildgänsen beobachtet, die mit lautem Geschrei von Nordwest nach Südost strichen.“

Von der Ferne und der weiten Welt kündet auch die „Bildertafel“ am Verlagshaus von Brügel und Sohn in der Pfarrstraße. „Zu sehen sind diese Woche: 1. der erfolgreichste Reiter im Turniersport 1924. 2. Eine große Kundgebung in Madrid zu Ehren des spanischen Königspaares. 3. Die Krönung des Bildes der heiligen Jungfrau von Quadelupe mit Prozession.“

Gerade hat der Verlag ein neues Adressbuch herausgegeben. „Der stattliche Band beginnt, wie früher, mit einer historischen Abhandlung. Es sind Feuerbach-Erinnerungen mit einem Porträt des Staatsrates und Präsidenten Anselm von Feuerbach, nach einer im Besitze der Stadt befindlichen Kreidezeichnung. Den Hauptteil bilden das alphabetische Verzeichnis der selbständigen Einwohner der Stadt und das Verzeichnis der Hausbesitzer und Inwohner, dann der Zivilstellen und Behörden, Gesellschaften, Vereine und so weiter. Ebenso ist ein Verzeichnis der Berufsarten und Geschäftszweige aufgenommen.“

Für die Belange behinderter Menschen

Die Ortsgruppe des Selbsthilfebundes der Körperbehinderten möchte mit einer Annonce auf ihre Anliegen aufmerksam machen: „Der Selbsthilfebund ist eine Arbeitsgemeinschaft von erfahrenen Krüppeln und hilfsfreudigen Gesunden, die sich die geistige und wirtschaftliche Förderung der im jugendlichen Alter oder von Geburt an Verkrüppelten zur Aufgabe gemacht hat.“ Körperbehinderte seien als „vollberechtigt und vollgültig zu werten“, ihre Selbstständigkeit solle unterstützt und „produktive Mitarbeit bei allen Einrichtungen“ ermöglicht werden.

Herr Dr. Eimer aus Ansbach hat in der Kategorie bis 6 PS bei der ADAC-Winterfahrt rund um Garmisch-Partenkirchen „einen glänzenden Erfolg“ errungen. Angetreten ist er mit einem Personenkraftwagen aus der hiesigen Fabrik der Faun-Werke. „Die Faunwagen haben sich auch bei harter Konkurrenz als hervorragend leistungsfähig und zuverlässig bewährt.“

Wer wohnt zum Beispiel in der Maximilianstraße, die hier auf der historischen Postkarte zu sehen ist? Das Adressbuch, das im Februar 1925 erscheint, listet die Namen auf. (Repro: FLZ-Technik/Privatarchiv Scheiderer)
Wer wohnt zum Beispiel in der Maximilianstraße, die hier auf der historischen Postkarte zu sehen ist? Das Adressbuch, das im Februar 1925 erscheint, listet die Namen auf. (Repro: FLZ-Technik/Privatarchiv Scheiderer)
Wer wohnt zum Beispiel in der Maximilianstraße, die hier auf der historischen Postkarte zu sehen ist? Das Adressbuch, das im Februar 1925 erscheint, listet die Namen auf. (Repro: FLZ-Technik/Privatarchiv Scheiderer)

Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

"I have never written a word that did not come from my heart. I never shall."
Nellie Bly
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