Dietersheimer Initiative: „Containerdorf führt zur Gettobildung“ | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 06.11.2023 14:13

Dietersheimer Initiative: „Containerdorf führt zur Gettobildung“

Gudrun Ruttmann-Völlinger (63). (Foto: Hermann Ruttmann)
Gudrun Ruttmann-Völlinger (63). (Foto: Hermann Ruttmann)
Gudrun Ruttmann-Völlinger (63). (Foto: Hermann Ruttmann)

Ob Markt Taschendorf, Neustadt, Uffenheim oder Dietersheim: Zentrale Unterbringungen von Geflüchteten, um Scheinfelds Notunterkunft zu entlasten, stoßen überall auf Protest. In Dietersheim hat sich eine Initiative gegründet, um in ihrem Ort ein Containerdorf zu verhindern – vergeblich. Wir sprachen mit drei der Protagonisten: Gudrun Ruttmann-Völlinger, Thomas Billmann und Harald Ell.

Was genau waren und sind die Ziele Ihrer Initiative?

Harald Ell: Ziel ist es, durch dezentrale Unterbringungen der Flüchtlinge im gesamten Landkreis deren Situation zu verbessern, statt einer Unterbringung in Containern in einem Industriegebiet einer relativ kleinen Gemeinde ohne ausreichende Infrastruktur. Natürlich wollten wir auch eine Überforderung Dietersheims verhindern.

Thomas Billmann: Ja, natürlich hat uns im ersten Moment vor allem der Wunsch, dieses Container-Getto in Dietersheim zu vermeiden, dazu gebracht, eine Initiative zu gründen. Aber uns war schnell klar, dass es nicht ausreicht, nur gegen etwas zu sein, sondern dass es Lösungen braucht. Dazu ist es erforderlich, dass wir, die gesamte Bevölkerung inklusive unserer politischen Vertreter, neue Wege suchen. Seit der ersten Flüchtlingskrise in 2015 hat die gesamte Politik scheinbar nichts dazugelernt. Menschen flüchten und kommen in unser Land, es fehlt aber an jeglichen Konzepten zur sinnvollen Unterbringung und Integration der Menschen. Auch die oft als Ablehnungsgrund zitierte Frage, wer dies alles bezahlen soll, muss von der Politik beantwortet werden.

Gudrun Ruttmann-Völlinger: Dieses Containerdorf wird doch in keiner Weise zur Integration beitragen, die „Insassen“ werden ohne Perspektive untergebracht. Wir wollen nicht zulassen, dass sich das Desaster von Scheinfeld wiederholt. Dass Landrat Helmut Weiß trotzdem daran festhält, eine weitere zentrale Einrichtung zu installieren, ist menschenverachtend. Außerdem überfordern wir unseren Ort ohne Infrastruktur, mit Ausnahme der Bahnhaltestelle, und die Bürger mit einer Sammelunterkunft. Ängste und Vorbehalte müssen ernst genommen werden.


Ich hoffe und glaube, dass unsere Initiative für ein Umdenken in der Region sorgt.

Thomas Billmann

Das Containerdorf in Dietersheim wird errichtet. Sind Sie damit „gescheitert“?

Billmann: Nein. Ich hoffe und glaube, dass unsere Initiative für ein Umdenken in der Region sorgt. Jeder weiß doch von der Notunterkunft in Scheinfeld, aber so lange es den eigenen Ort nicht betroffen hat, war das für die anderen Kommunen nicht weiter problematisch. Unsere Gruppierung sucht aktiv nach Lösungsansätzen vor Ort. Natürlich ist es auch die Aufgabe der großen Politik, Lösungen zu finden, aber am Ende ist es doch so, dass viele Menschen hier bleiben werden und auch weiterhin Menschen bei uns Schutz suchen. Dafür braucht es Ideen, und dafür möchten wir einen Anstoß geben.

Ell: Sollte das Containerdorf tatsächlich gebaut werden, ist aus meiner Sicht die Initiative rein formell gescheitert. Denn dadurch ist das Problem der Unterbringung vorerst für alle anderen erledigt und es wird sich eine Lösung, die alle Gemeinden mit einbindet, nicht mehr finden. Dadurch werden die Versäumnisse des Landkreises auf die Dietersheimer abgewälzt. Es könnte aber durchaus sein, dass die Initiative mittelfristig doch erfolgreich ist, weil die Menschen schneller aus den Sammelunterkünften in dezentrale Einheiten kommen.

Ruttmann-Völlinger: Gescheitert würde ich nicht sagen. Vielmehr wurden wir von Ignoranz und Diktat überrollt. Ich bin entsetzt darüber, dass uns vom Landratsamt bestätigt wurde, dass dezentrale Lösungen nicht gewollt sind, weil sie mehr Personal und Geld benötigen. Die Einsicht, dass integrierte Neubürger auf Dauer weniger kosten und eine Akzeptanz in der Bevölkerung nach sich ziehen, ist nicht da. In anderen Landkreisen werden dezentrale Unterbringungen längst praktiziert, nur bei uns soll das nicht möglich sein. Hier fehlt der Wille.


Sozialer Wohnungsbau wurde abgelehnt.

Gudrun Ruttmann-Völlinger

Ausgangspunkt aller Überlegungen war zuletzt, dass die Notunterkunft in Scheinfeld aus allen Nähten platzt. Haben Sie Verständnis für den Landrat, dass er die Lösung im Containerdorf sucht?

Ruttmann-Völlinger: Nein, ich habe kein Verständnis. Die Situation in Scheinfeld wurde durch den Landrat selbst geschaffen, der seit 2015 kaum Flüchtlingspolitik gemacht hat. Sozialer Wohnungsbau wurde abgelehnt – mit der Begründung, dass genügend Wohnraum vorhanden sei. Ein Landrat sollte vorausschauend agieren und nicht nur die Schuld Berlin zuweisen.

Ell: Ich kann die Gründe verstehen; es ist die schnellste und einfachste Lösung für das Landratsamt. Aber das Problem ist ja nicht neu, sondern besteht mehr oder weniger schon seit 2015. Da es woanders funktioniert, zum Beispiel im Landkreis Ansbach, hält sich mein Verständnis eher in Grenzen. Denn ein Containerdorf ist auch der Weg, der kaum Integration ermöglicht und zur Gettobildung führt.

Billmann: Ja, es braucht Lösungen, um Scheinfeld zu entlasten. Wofür ich jedoch kein Verständnis habe, ist die aktive Suche nach weiteren großen Einheiten. Für ein solches Betreibermodell wie in Dietersheim fallen für den Landkreis hohe Kosten an, und ein Betreiber hat damit eine sehr hohe Rendite. Aber es ist keine Lösung für die Integration. Würde der Landkreis dieses Geld den Kommunen zur Verfügung stellen, so dass diese sich um dezentrale Lösungen bemühen können, wäre allen Beteiligten mehr geholfen. Natürlich wird noch mehr Unterstützung von der Politik benötigt, zum Beispiel für Sprachkurse und bei der Vermittlung von Arbeit. Dafür braucht es eine neue Strategie und natürlich mehr Aufwand. Das ist halt komplexer als einfach eine Unterschrift unter einen Vertrag mit einem Investor zu setzen.

Kommunen setzten sich mit Initiative auseinander

Ihr Schreiben an die Bürgermeister sowie die Gemeinde- und Stadtratsmitglieder hat ein großes Echo ausgelöst. Wie zufrieden sind Sie mit den Reaktionen?

Ruttmann-Völlinger: Wir freuen uns über den Zuspruch und die positive Resonanz, über die vielen Aktionen, die daraus entstanden sind. Beispielsweise eigene Initiativen von Nachbarkommunen, die uns solidarisch unterstützen. Die Erkenntnis „Wir können nur gemeinsam erfolgreich sein!“ manifestiert sich weiter, aber leider verweigern sich noch zu viele Volksvertreter.

Ell: Mit den Reaktionen in den Kommunen bin ich im Großen und Ganzen zufrieden. Es haben sich fast alle mit dem Thema auseinandergesetzt, ohne unsere Initiative wäre dies sicherlich so nicht erfolgt.

Billmann: Wie man in diversen FLZ-Ausgaben lesen konnte, wurde das Thema in vielen Kommunen ernst genommen. Einige Bürgermeister haben mich angerufen und die Bereitschaft, aber auch die Problematik vor Ort geschildert. Ich glaube schon, dass wir einiges bewirken konnten und manche Kommunen, in denen das bisher nicht weiter thematisiert wurde, zum Nachdenken und Handeln anregen.

Es gibt im Landkreis immer noch Kommunen, die eine Unterbringung von Geflüchteten aus verschiedenen Gründen rundweg ablehnen. Haben Sie Verständnis für deren Argumente?

Ell: Für das eine oder andere kann man schon Verständnis haben, allerdings nicht für das Argument „Wir haben keinen Helferkreis, darum können wir die Flüchtlinge nicht betreuen“. Für die formellen Sachen sehe ich den Landkreis in der Pflicht und um die restlichen Bedürfnisse, zum Beispiel Kochen, Einkaufen oder Arztbesuche, können sich die Flüchtlinge auch selbst kümmern. Dadurch werden sie etwas gefordert und können sich somit auch besser und leichter integrieren.

Ruttmann-Völlinger: Geht mir auch so – einige Argumente verstehe ich, andere nicht. Die Mentalität, sich wegzuducken und Situationen auszusitzen, halte ich für bedenklich und kurzsichtig. Die Kassen sind überall leer, aber einige Gemeinden stellen sich trotzdem der Herausforderung. Langfristig wird man sich an Gemeinden, die sich verweigern, erinnern. Als Bürgermeister würde ich mich schämen.

Billmann: Ich hab überhaupt kein Verständnis für die Kommunen, die so tun, als würde es sie nicht betreffen. Ganz häufig ist es aber auch die Frage, wie die Bürgermeister dieses Thema im Stadt- oder Gemeinderat vorbringen.


Ohne ein Wir-Gefühl wird es schwierig.

Thomas Billmann

In Ihrem Schreiben haben Sie betont, den Landrat unterstützen zu wollen. Gilt dies immer noch?

Ruttmann-Völlinger: Selbstverständlich suchen wir weiter nach Möglichkeiten der dezentralen Unterbringung. Unser Unterstützerkreis wird immer größer, auch gemeindeübergreifend. Wir suchen Wohnungen und Arbeitsplätze und wären dabei auch erfolgreich, wenn es der Landrat zuließe. Die Hürden sind gewaltig und der Landrat ist nicht hilfreich. Ja, wir wollen das Landratsamt unterstützen, das Angebot steht immer noch. Aber eine Reaktion des Landrats auf dieses Angebot gibt es immer noch nicht.

Ell: Letztendlich erwarte ich vom Landrat, dass er die vorhandenen Probleme, die es vor Ort gibt, mit Nachdruck an die Bundesregierung weitergibt. Denn solange die aktuelle Bundesregierung ihre Migrationspolitik nicht ändert und der Zustrom an Flüchtlingen so hoch bleibt, wie er aktuell ist, habe ich Verständnis für die Probleme des Landrats. Unterstützen werden wir ihn allerdings nur bei der Suche nach dezentralen Lösungen.

Billmann: Ich verstehe, dass der Landrat in einer schwierigen Lage ist, aber ich wünsche mir, dass er die Kommunen mehr in die Pflicht nimmt, statt nur an ihre Bereitschaft zu appellieren. Ohne ein Wir-Gefühl wird es schwierig, nachhaltige Lösungen zu finden. Wir haben jetzt mit Hilfe eines Dietersheimer Unternehmens (Autohaus Zeilinger; Anm. d. Red.) eine Homepage kreiert, mit der wir dem Landrat die Hand reichen möchten. Unter der E-Mail-Adresse info@dietersheim-denkt-weiter.de können sich gerne auch weitere Unterstützer unverbindlich melden.

Wie geht es mit der Dietersheimer Initiative weiter?

Wird Ihre Initiative sich auflösen, sobald das Containerdorf errichtet ist, oder planen Sie weitere Aktionen?

Ell: Das kann ich heute noch nicht beurteilen.

Billmann: Nein, die Initiative wird sich nicht auflösen – im Gegenteil. Unter www.dietersheim-denkt-weiter.de haben wir eine Art „Marktplatz“ geschaffen. Dort kann Wohnraum angeboten werden und es können Arbeitsplätze gemeldet werden und man kann sich über uns informieren. Die große Politik schafft es leider nicht, Lösungen für die Kommunen zu finden. Vielleicht schaffen wir es ja, etwas zu bewirken und eventuell sogar als gutes Beispiel für andere, bisher ebenso konzeptlose Regionen zu dienen?

Ruttmann-Völlinger: Ja, eine Vorreiterposition bayernweit, unabhängig von Parteien, mit der dazugehörigen Vernetzung ist das Ziel. Nur gemeinsam können wir die Lage meistern. Nein, die Initiative wird sich nicht auflösen, wir werden dafür sorgen, dass sie größer wird.


Patrick Lauer
Patrick Lauer
Redakteur
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