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Veröffentlicht am 07.08.2023 18:27

Für Pflegeheime geht es schnell um die Existenz

Gleich gibt’s Mittagessen in der Bad Windsheimer Hospitalstiftung: Im Vordergrund sind Betty Stark, Sabina Abdullayeva und Babette Kleinlein (von links) zu sehen. (Foto: Ulli Ganter)
Gleich gibt’s Mittagessen in der Bad Windsheimer Hospitalstiftung: Im Vordergrund sind Betty Stark, Sabina Abdullayeva und Babette Kleinlein (von links) zu sehen. (Foto: Ulli Ganter)
Gleich gibt’s Mittagessen in der Bad Windsheimer Hospitalstiftung: Im Vordergrund sind Betty Stark, Sabina Abdullayeva und Babette Kleinlein (von links) zu sehen. (Foto: Ulli Ganter)

Deutliche Worte sind aus den Seniorenheimen im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim zu hören: Die Leiter geben der Politik und der Gesellschaft die Schuld, dass nach wie vor Arbeitskräfte fehlen. Und das kann für die Einrichtungen schnell zu einer Existenzfrage werden. Für Angehörige auf der Suche nach einem Heimplatz ist es ebenfalls eine Belastung.

Ja, das Grundgehalt hat sich verbessert: Eine ausgebildete Kraft kann nun auf 4000 Euro brutto kommen. Und ja, zunehmend gehen auch junge Männer in die Altenpflege. Aber deshalb sind Norbert Schnepf, Leiter des Maximilian-Kolbe-Heims in Scheinfeld, und Ursula Kefer, seit wenigen Tagen Leiterin der Bad Windsheimer Hospitalstiftung, noch lange nicht zufrieden.

Corona hat einiges durcheinandergewirbelt

In der Hospitalstiftung hat Corona – die Maßnahmen dauerten hier noch bis April an – einiges durcheinandergewirbelt. Aktuell gibt es freie Plätze. Kefer: „Aber ich kann die Zimmer erst belegen, wenn ich auch das nötige Personal dazu habe.“

97 Prozent Auslastung muss ein Pflegeheim erreichen, um wirtschaftlich zu sein, erfuhr die „Arbeitsgemeinschaft 60plus“ der SPD neulich im Neustädter AWO-Heim. Müssen da, wie es in letzter Zeit im Landkreis immer wieder vorkam, ganze Abteilungen aus Personalmangel schließen, dann gerät man schnell in finanzielle Schieflage.


In zehn Jahren werden einige Häuser schließen.

Norbert Schnepf

„In zehn Jahren werden einige Häuser sagen: Wir schließen ganz“, ist Norbert Schnepf überzeugt. Sein Haus sei zwar noch nicht von stillgelegten Abteilungen betroffen gewesen, doch man habe sich in Zweijahresschritten verkleinert und stattdessen das weniger personalintensive betreute Wohnen ins Haus geholt.

„Das hat sich die Gesellschaft selbst zuzuschreiben“, urteilt Ursula Kefer knallhart über die jetzigen Zustände. „Was? Ins Altenheim willst du? Den ganzen Tag Leuten den Hintern ausputzen?“ Das bekomme man immer noch zu hören, wenn man sich für den Beruf entscheidet.

Was kann man tun? „Der Pflegeschlüssel müsste sich verbessern“, lautet Kefers Überzeugung. Fehlt dadurch nicht noch mehr Personal? Nein, meint sie. „Ich kenne so viele Frauen, die aus dem Beruf ausgeschieden sind, obwohl sie ihn lieben. Aber er hat sie kaputt gemacht.“ Sie würde auch gerne noch mehr Ehrenamtliche integrieren, will den wichtigen Kontakt der Bewohner und Bewohnerinnen zur Außenwelt stärken.


Jeder sollte sich ein halbes Jahr irgendwo engagieren.

Norbert Schnepf

Norbert Schnepf regt an, Feiertagsdienste besser zu honorieren. Viele junge Mütter, sagt er, würden gerne bei ihm arbeiten, doch sie können ihre Kinder erst um 7.30 Uhr in die Kita bringen. Das lässt sich mit den Abläufen im Pflegeheim jedoch nur schwer vereinbaren.

Ein Pool an Springern, damit man die Pflegekräfte nicht mehr aus ihrer Freizeit holen muss, wenn es zu Ausfällen kommt, ist ein weiterer Vorschlag von ihm. Am meisten würde er sich von einem verpflichtenden sozialen Jahr versprechen. „Jeder sollte sich mal ein halbes Jahr irgendwo engagieren.“ Da entdecken dann auch junge Leute die Pflege für sich, die eigentlich ganz andere Berufsziele hatten, war seine Erfahrung zu Zivildienst-Zeiten.

Die neue generalistische Pflegeausbildung, bei der man sich erst im Laufe der Zeit fürs Krankenhaus, Altenheim oder eine andere Richtung entscheidet, sieht Schnepf dagegen negativ. Das Krankenhaus habe immer noch das bessere Image und die stärkere Lobby.

Einig sind sich alle, dass es ohne ausländische Arbeitskräfte in Zukunft nicht gehen wird – auch wenn dies bislang in verschiedenen Einrichtungen in sehr unterschiedlichem Maße praktiziert wird. Die AWO Neustadt bildet derzeit 17 junge Menschen aus, 15 davon mit ausländischen Wurzeln. Zum neuen Ausbildungsjahr habe sich kein einziger Deutscher gefunden. In Scheinfeld dagegen sind laut Schnepf alle fünf Azubis Deutsche.

Doch auch bei ihm sind Kräfte aus Vietnam und Indien beschäftigt. Mit seinem Neustädter Kollegen Friedrich Wiesinger beklagt er allerdings die ungeheuren bürokratischen Hürden, die dabei nach wie vor – und entgegen aller anders lautenden Beteuerungen aus der Politik – bestehen.


Sieben Jahre hat sie auf Anerkennung gewartet.

Ursula Kefer

Kefer berichtet noch aus ihrer Oberbayern-Zeit von einer jungen Frau, die sehr gut Deutsch sprach und eine Fachkraft war: „Sieben Jahre hat sie auf die Anerkennung ihres Abschlusses gewartet.“

Dazu kommen weitere Aufgaben: Schnepf berichtet aus Scheinfeld von der schwierigen Wohnungssuche, der komplizierten Organisation von Fahrrädern und von Fahrten ins Ausländeramt nach Neustadt. In Neustadt ist man gar selbst aktiv geworden und baut derzeit Wohnungen für Beschäftigte. Die AWO bietet eigene Sprachkurse, die anderen Heime vermitteln an andere Träger. Alle drei fordern, dass die Leute aber auch in den Dörfern und Städten integriert werden müssten, in denen sie wohnen – damit sie bleiben.

Und das Problem wird sich in absehbarer Zeit nicht in Wohlgefallen auflösen: Die geburtenstarken Jahrgänge gehen demnächst in Rente.


Ulli Ganter
Ulli Ganter
Redakteurin
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