Begleitet von einem Raunen schweifen die Blicke der 25 Teilnehmer gen Himmel. Einige reißen ihre Arme hoch, warten gespannt. Ein Gummistiefel rattert durch die Äste der Buche im Garten des Hotels am Kurpark. Blätter fallen. Die Deutsch-Finnische Gesellschaft (DFG) Bayern traf sich in Bad Windsheim zum Gummistiefelweitwurf.
„Schlabbeschubser“, „Gib Gummi“ oder „Rauen Latex“ heißen ein paar der wenigen Vereine, die sich auch in Deutschland dieser Sportart widmen. Wer hat’s erfunden? Die Finnen. In Finnland werden Wettbewerbe und sogar jedes Jahr eine Weltmeisterschaft ausgetragen.
Bei der DFG steht bei der Tagung in Bad Windsheim der Spaß und eine kleine Pause von der Theorie im Vordergrund – nach Regeln wird trotzdem gespielt. „Es müssen Nokia-Gummistiefel sein, Männer Größe 43, Frauen 38“, sagt Reijo Ranki. Der 71-Jährige ist Finne, am Maßband schaut er genau, wo der Stiefel landet. Meter und Zentimeter werden in eine Liste eingetragen. Drei Versuche hat jeder. Ihr Vater habe seine Familie mit dem „Finnland-Fieber“ infiziert, sagt Elina Ranki und lacht.
„Alle hier haben das Fieber“, fügt Reijo Rankis Frau Sonja an. Das Fieber ist quasi Pflicht. Nicht alle sind Finnen oder haben finnische Verwandtschaft, bei der DFG geht es um die Liebe zu Finnland und darum, das nordische Land „zu leben“.
Sonja Ranki ist die Vorsitzende des Vereins, der in Bayern rund 1100 Mitglieder hat und in sieben Bezirke aufgeteilt ist. In den Bezirken finden Stammtische, Feiern und viele Unternehmungen statt. Bayernweit trifft man sich zwei Mal im Jahr, um sich auszutauschen, Ideen zu sammeln und die Arbeit im nächsten Jahr zu gestalten. „Wir wollen die finnische Kultur, die wir so lieben, bekannter machen in Deutschland“, erzählt die 68-Jährige.
40 Jahre ist sie nun bereits mit einem Finnen verheiratet, vieles daheim in Hof läuft finnisch ab, erzählt Sonja Ranki. Jetzt an Weihnachten kommen der typische Weihnachtsschinken und Lanttulaatikko, ein Steckrübenauflauf, sowie Lachs und Kartoffeln auf den Tisch.
Die Finnen haben eine ganz andere Lebensart, seien immer fröhlich, witzig, nehmen sich nicht zu ernst, das schätzt Elina Ranki an ihnen. Dementsprechend gebe es auch die für andere Kulturen sehr kurios wirkenden Wettbewerbe, wie das Ehefrauen-Weittragen, Langlauf in Socken oder die Mücken-erschlagen-WM. „Die Finnen sind einfach ein bisschen anders“, sagt Elina Ranki.
Den Weltrekord im Gummistiefelweitwurf hält freilich ein Finne. 68,03 Meter. Die Distanz haben die DFGler im Hotelgarten nicht, 30 Meter sind abgesteckt. „Wir dachten erst, das ist etwas wenig“, sagt Sonja Ranki und schmunzelt. „Aber es ist doch schwieriger als gedacht, diese Stiefel unter Kontrolle zu bringen“, fügt Elina Ranki an. Bei ihrem ersten Wurf sticht der Stiefel beinahe senkrecht zu Boden und bohrt sich mit der Spitze ins Gras. Wie man die Stiefel anpackt, das ist jedem selbst überlassen. Nur weit fliegen müssen sie eben. Manche Teilnehmer haben schon richtig Routine, „zumindest sieht es professionell aus“, findet Elina Ranki.
Die DFGler haben sich auf der Holzterrasse versammelt. Von dort aus wird auch geworfen. Mit 16,6 Metern gewinnt Torsten Villwock in der Männerwertung, Anke Heßdörfer schafft 11,80 Meter bei den Frauen. Und auch das Ergebnis des 14-jährigen Tom Wagner, der eine Art Drehtechnik anwendet, kann sich mit zehn Metern sehen lassen.
Im Hintergrund zucken die Zuschauer, halten schützend ihre Hände über den Kopf – zur Sicherheit. Gummistiefel auf Abwegen gibt es an diesem Tag nur einmal, der eingangs erwähnte Ausreißer von Katja Ansorge in die Späth’sche Buche.
Die 46-Jährige kennt das Spiel aus ihrer vorübergehenden Wahlheimat. Sie hat vier Jahre lang in Finnland gelebt. Ihren Mann hat es beruflich dorthin verschlagen, sie und die Kinder kamen mit. Als das Projekt ihres Mannes und auch ihre Elternzeit endeten, kamen die Ansorges zurück nach Eckental. In der DFG versuchen sie nun, das „finnische Lebensgefühl zu behalten“.
Vor allem die Saunakultur hat es Katja Ansorge angetan. „Sauna ist in Finnland ganz anders, als es in Deutschland übernommen wird. Wenn man nackt in die Sauna geht, dann getrennt oder im Familien- oder Freundeskreis“, sagt Ansorge. Saunieren sei ein Lebensgefühl.
In Finnland kommen in der öffentlichen Sauna Alte, Junge, ja sogar Babys zusammen. Sie ist quasi der Dorfplatz. Man trägt Badekleidung und man „quatscht miteinander. In der Sauna erfährst du den Dorftratsch.“ In Deutschland sei es viel strenger, „wer schwatzt, fliegt schnell raus oder wird durch ein ,Pssssssst‘ der anderen Saunagänger zurechtgewiesen“, fügt Elina Ranki an.
Katja Ansorge hatte während ihrer Zeit in Finnland an den Anträgen mitgearbeitet und so dafür gesorgt, dass die Finnische Sauna 2020 immaterielles Weltkulturerbe wurde. 3,2 Millionen Saunen gibt es in Finnland, erzählt sie, bei 5,5 Millionen Einwohnern. „Es gibt mehr Saunen als Autos.“ Gerne hätte Ansorge auch die Angebote der Franken-Therme getestet, dafür reichte die Zeit bei der Tagung aber nicht aus.
Eine Führung im Fränkischen Freilandmuseum ist geplant. Eine gute Überleitung zu Ernst Kraus. Der 77-Jährige hat keine finnischen Wurzeln oder finnische Familie, hat aber seit vielen Jahren „Finnland im Blut“, wie Sonja Ranki sagt. „Wer einen Weg zum Minimalismus finden will, der soll sich Finnland anschauen“, betont Kraus. Er liebt die Natur, die Lebensweise, die Toleranz und die Verrücktheit der Finnen. „Sie kennen gefühlt keinen Neid.“
All das trägt für ihn zum Glücklichsein bei, „nicht umsonst ist Finnland sehr oft das glücklichste Land der Welt“. 1967 war er mit dem Fahrrad zum Nordkap gereist, da hat ihn das „Finnlandfieber gepackt“. Davon losgekommen sei er nicht mehr, seit 19 Jahren reist Kraus mit seiner Frau im Camper nach Finnland. „Einmal im Jahr muss eigentlich jeder von uns dorthin“, sagt Elina Ranki, „sonst wird das Finnweh zu groß.“
In Bad Windsheim hat es der Gruppe sehr gut gefallen, ein kleiner Abstecher in die Altstadt gehörte für einige auch noch dazu. Und vielleicht kommen sie ja wieder, um dann auch die Saunen der Franken-Therme zu genießen. In der Pause werden vielleicht Gedichte in Dauerschleife rezitiert, erzählt Sonja Ranki von einem weiteren finnischen Wettbewerb, aber nicht einfach so, sondern „auf einem Ameisenhaufen sitzend“.