Den 9. Juli 2021 werden viele Bürger nicht so schnell vergessen. Da trat die Rezat letztmals so über die Ufer, dass Teile der Ansbacher Kernstadt unter Wasser standen. Die Residenzstraße glich einem Kanal, etliche Keller liefen voll. Um dem künftig vorzubeugen, werden ab 2024 viele Millionen Euro in den Hochwasserschutz investiert.
Ortstermin beim Wasserwirtschaftsamt: Jürgen Scharvogel ist der Leiter des Projekts, das Ansbach vor den Auswirkungen von Hochwasser und den Folgen von Starkregenereignissen schützen soll. Selbst für den Fachmann ist es eine Herausforderung, alle Faktoren abzuwägen und sämtliche Variablen zu berechnen, die in diese Aufgabe hineinspielen. „Das ist ziemlich aufwendig“, sagt Scharvogel und schnell wird klar: das ist noch untertrieben.
Schon seit Jahrhunderten hat die Stadt ein Problem mit dem Hochwasser. Zu Zeiten des Markgrafen wurde versucht, verschiedene Gebiete trockenzulegen, die jetzt im Kern der Stadt liegen. Doch bis heute sind die meisten Keller der Gebäude aus der Barockzeit immer wieder feucht. Zusätzlich sorgte die zunehmende Flächenversiegelung und eine Baumaßnahme aus dem Ende des vergangenen Jahrhunderts dafür, das vorherrschende Problem zu verschlechtern.
Viel Platz hat die Rezat im Stadtgebiet nicht – die vierspurige Residenzstraße und das markgräfliche Erbe mit der Orangerie lassen nur einen Korridor, in den der Fluss ab der Residenz durch die Umgestaltung 1979/80 auch noch in einen Betontrog gezwängt wurde. Eine Sünde der Vergangenheit. „Das ist das Nadelöhr im Stadtgebiet“, erklärt der Projektleiter. Doch grundsätzlich ändern lässt sich daran nichts, lässt Scharvogel durchblicken. So gilt es, der schwierigen Situation mit anderen Mitteln zu begegnen.
An diesem Tag stehen am Tisch neben Jürgen Scharvogel vier prallvolle Ordner, die nur die wasserrechtlichen Unterlagen enthalten. Dazu gesellen sich Bescheide, diverse Gutachten und Vor-Untersuchungen. Mit den Ausführungsplänen ist inzwischen ein Büro betraut, bis Ende 2023 soll alles zu Papier gebracht sein. Klar ist schon jetzt: Die Bau- maßnamen werden in vier Abschnitte unterteilt und sollen im zweiten Quartal 2024 beginnen.
Bauherr ist das Wasserwirtschaftsamt, die Stadt übernimmt die Hochwasserschutzanlage nach der Fertigstellung. Für die derzeit auf zwölf Millionen Euro veranschlagten Kosten kommt zu 35 Prozent die Stadt auf, den anderen Teil finanziert der Freistaat.
Der Hochwasserschutz funktioniert.
Der Hochwasserschutz sieht eine über die Strecke von etwa zwei Kilometer laufende Mauer auf der Stadtseite vor, insgesamt 16 mobile Elemente verschließen im Bedarfsfall die bestehenden Durchgänge in Richtung Innenstadt. Eine Schlüsselrolle kommt den vier Schöpfwerken im Fall von Hochwasser in Verbindung mit Starkregen zu: Ihre Pumpen, die bei einem Stromausfall über Generatoren betrieben werden können, sorgen dafür, dass hinter der Mauer anfallendes Wasser wieder zurück in die Rezat gepumpt wird. Das größte Schöpfwerk mit den drei leistungsstärksten Pumpen befindet sich am Kasernendamm, wo die Bauarbeiten beginnen und dann in Fließrichtung der Rezat weitergeführt werden.
Mit den an das Kanalnetz angeschlossenen vier Sielwerken wird einer Besonderheit des Ansbacher Untergrunds begegnet: Bei Hochwasser kehrt sich die Fließrichtung des in einer Sandschicht liegenden Grundwassers um. Damit aber die Niederschläge nicht in Richtung Kanalisation der Innenstadt drücken, wird der Abfluss über die Sielwerke mit Rückschlagklappen gesteuert. So kann der Grundwasserspiegel abgesenkt werden und maximal bis auf Höhe der Drainage steigen, die überall an der Mauer eingebaut wird.
Zur exakten Berechnung, wie viel Wasser an welcher Stelle anfallen könnte, wurde der Flusslauf und das Gelände im Ist-Zustand modelliert und mit unterschiedlichen Hochwasserlagen geflutet. Im nächsten Schritt wurden die Schutzmaßnahmen eingepflegt und dann alles neu berechnet. Mit dem Ergebnis ist der Projektleiter zufrieden: „Der Hochwasserschutz funktioniert“, kann Scharvogel demnach behaupten. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht.
Bedenken der Anwohner rund um die Würzburgerstraße oder im Bereich des Rezat-Parks „kann ich zerstreuen“. Durch die Baumaßnahmen stünden sie auf keinen Fall schlechter da als zuvor. Die nackten Zahlen: 220 Gebäude mit 1100 Menschen auf einer Fläche von neun Hektar werden durch die Maßnahmen geschützt.
Noch offen ist, wie die angedachte Renaturierung der Rezat im Bereich der Parkplätze ausfallen soll. „Das sollte man im Gesamtkonzept sehen“, erklärt Scharvogel. Recht viel mehr möchte er zu der noch laufenden politischen Diskussion nicht sagen. Nur das: „Beide Konzepte sollten aufeinander abgestimmt sein.“
Beschlossen werden die Arbeiten mit dem Einbau einer Fischaufstiegsanlage am Theatersteg. Der bisherige Absturz in dem Betonbett entfällt, zudem „schafft man es damit, den Wasserspiegel anzugleichen“, führt der Projektleiter aus: „Die Engstelle wird entschärft“ und damit der schnellere Durchfluss gewährleistet.
Wird nun an der Messstelle Oberhessbach die Warnstufe ausgerufen, haben die Mitarbeiter des Betriebsamtes nur einige Stunden Zeit, um mit den in eigenen Boxen gelagerten mobilen Alu-Dammprofilen mit Gummilippe die Zugänge zur Stadt zu verschließen. Diese Aufgabe erledigen an zwei Stellen auch Hubtore, die per Knopfdruck zu bedienen sind. Alles das, damit so etwas wie im Juli 2021 zumindest abgemildert wird.