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Veröffentlicht am 04.04.2025 10:00

Die Bombenangriffe in Ansbach vor 80 Jahren: So starb der Schulfreund

Ottmar Strauß besuchte einst die Ansbacher Karolinenschule. Neun Jahre war er alt, als die Bomben der Alliierten neben dem Schulgebäude und der Wohnung seiner Familie in der Karolinenstraße einschlugen. Der 89-Jährige, der nun in Stuttgart zu Hause ist, hat für die FLZ aufgeschrieben, was er in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges erlebte.

„Die meisten meiner Freunde in meinem Alter aus der Umgebung hatten das gleiche Hobby. Wir sammelten Zigarettenbilder, auf welchen Flugzeuge, Panzer und Kriegsschiffe abgebildet waren“, erinnert sich Strauß an die Zeit vor Ende Februar 1945. „In der Nachbarschaft hatten wir einige Kinder aus Nürnberger Familien. Die erzählten die grausigsten Erlebnisse von Bombenangriffen. Aber anstatt erschreckt zu sein, machte sich bei uns naiven Kindern eine Art von Neid bemerkbar. Wir waren ja nur Provinz, bei uns ist ja nichts los. Bei Fliegeralarm suchten wir schon lange nicht mehr den Luftschutzkeller auf. Die Bombergeschwader, die im Tiefflug über uns hinweg in Richtung Osten flogen, beobachteten wir vom Hof aus.“


„Wir haben alles überstanden. Von der Sehnsucht nach Kriegserlebnissen waren wir für alle Zeiten geheilt.“

Ottmar Strauß

Das habe sich „schlagartig geändert, als am 22. Februar um die Mittagszeit die ersten Bomben fielen“, schildert Strauß. „Blitzschnell waren wir im Keller. Meine Mutter kam zuletzt. Sie hatte in der Küche im zweiten Stock in der Karolinenstraße 8, wo wir damals wohnten, das Mittagessen zubereitet. Dicht beieinander saßen wir auf Bänken und Holzkisten. Ich erinnere mich noch immer an das Getöse und den fürchterlichen Krach. Für mich hörte sich das an, als würden Bierfässer aus der benachbarten Wirtschaft aus großer Höhe auf das Pflaster aufschlagen. Wir haben alles überstanden. Von der Sehnsucht nach Kriegserlebnissen waren wir für alle Zeiten geheilt.“

Robert Schuster, ein Freund von Ottmar Strauß, hatte kein Glück an jenem verhängnisvollen Februartag. Der Junge war offenbar der kleine Bruder des ebenfalls getöteten Hermann Schuster, über den wir in unserer Serie „80 Jahre danach“ bereits berichtet haben.

„Am 21. Februar ging ich wie gewohnt zusammen mit meinem Klassenkameraden und Freund Robert Schuster von der Karolinenschule nach Hause“, erzählt Ottmar Strauß weiter. „Gelegentlich kam es vor, dass Robert zu uns mit in die Wohnung kam. So auch an diesem Tag. Wir haben gemeinsam mit meiner Mutter zu Mittag gegessen. Danach verabschiedete sich Robert und ging heim zu seinem Elternhaus in der Inneren Oberhäuserstraße.“

Die Klassenkameraden nie mehr wiedergesehen

Am Tag danach wurde Robert Schuster zusammen mit seiner Mutter und zwei Geschwistern Opfer des ersten Bombenangriffs auf Ansbach. „Das habe ich jedoch erst viel später erfahren. Meine übrigen Klassenkameraden habe ich nie mehr wiedergesehen“, so Strauß.

Der neunjährige Ottmar, seine schwangere Mutter und sein jüngerer Bruder fanden bei den Großeltern in Dorfgütingen Unterschlupf. „Dort besuchte ich bis zum Beginn des neuen Schuljahres im Herbst 1945 die Schule, wo ich einige neue Erfahrungen sammeln durfte“, schildert Strauß. „Völlig neu war mir, mit vier Klassenstufen in einem einzigen Raum von nur einer Lehrerin unterrichtet zu werden. Außerdem war ich nicht gewohnt, als Bub, der immer nur mit Jungen zusammen war, auf einmal mit Mädchen auf einer Schulbank zu sitzen. Im Dorf habe ich den Rückzug des deutschen Militärs, Einschläge von Granaten der alliierten Streitkräfte und auch den Einmarsch der Amerikaner miterlebt.“

Zurück in Ansbach „mussten wir in einer mehr als dürftig ausgestatteten Behelfswohnung hausen“, erzählt Strauß. „Hilfe von außen war weit und breit nicht in Sicht. Care-Pakete waren für uns unerreichbar. Jetzt machte sich das Fehlen meines Vaters, der in russischer Kriegsgefangenschaft war, bitter bemerkbar.“

Ottmar Strauß wohnte vor 80 Jahren in der Karolinenstraße und war Schüler in der Karolinenschule. Nach den Luftangriffen klafften tiefe Bombentrichter in der Straße, und die Schule (rechts im Bild) hatte an einer Seite keine Wand mehr. (Foto: Stadtarchiv Ansbach)
Ottmar Strauß wohnte vor 80 Jahren in der Karolinenstraße und war Schüler in der Karolinenschule. Nach den Luftangriffen klafften tiefe Bombentrichter in der Straße, und die Schule (rechts im Bild) hatte an einer Seite keine Wand mehr. (Foto: Stadtarchiv Ansbach)
Ottmar Strauß wohnte vor 80 Jahren in der Karolinenstraße und war Schüler in der Karolinenschule. Nach den Luftangriffen klafften tiefe Bombentrichter in der Straße, und die Schule (rechts im Bild) hatte an einer Seite keine Wand mehr. (Foto: Stadtarchiv Ansbach)

Lara Hausleitner
Lara Hausleitner
Redakteurin für Lokales und Kultur - und Reisende aus Leidenschaft.

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Nellie Bly
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