Was ist spannender als ein Krimi? Ein echter Kriminalfall – ein „True Crime“. Vor allem dann, wenn er gut recherchiert ist, wenn die Fakten lebendig dargestellt werden. Das Publikum in der Feuerbach-Akademie bekam davon Kostproben zu hören: im inszenierten Dialog eines Strafrichters und eines Literaturwissenschaftlers.
„Faszination Verbrechen. True Crime – Feuerbach trifft Capote” hatten die Brüder Prof. Dr. Andreas Grube und Privatdozent Dr. Christoph Grube ihre Reise durch drei Jahrhunderte Kriminalliteratur genannt. Bei der Veranstaltung sprachen sie über Literatur und Psychologie, über Rechtslehre und Soziologie – garniert mit vielen Lesebeispielen.
Das zeitlich jüngste Beispiel der Grube-Brüder ist der Roman „Kaltblütig” des US-Autors Truman Capote aus dem Jahr 1966. Capote wollte eigentlich ein Buch über die Familie Clutter schreiben, die in ihrem Farmhaus auf mysteriöse Weise bestialisch ermordet worden war. Aber er interessierte sich auch für die Täter, besuchte diese nach ihrer Verhaftung im Gefängnis, verfolgte die Gerichtsverhandlung.
Der Roman wird, so der Literaturwissenschaftler Christoph Grube, zu einer „meisterhaften Kombination” von Familiensaga. Detektivgeschichte, Road Movie und Gerichtsdrama. Landschaftsbeschreibung, die schreckliche Schilderung der Morde und die Biografien der Täter mit Einblick in psychische Abgründe stehen nebeneinander. „Eine Spannung zwischen moralischer Distanz und empathischer Nähe” mache diesen Roman aus. Truman Capote lasse den amerikanischen Traum und seine Kehrseite frontal aufeinanderprallen, so Strafrichter Andreas Grube.
Egon Erwin Kisch, der „rasende Reporter” aus Prag, interessierte sich in seinen Reportagen ebenfalls nicht nur für die jeweilige Geschichte. Ihm waren Hintergründe und das soziale Umfeld wichtig, wenn er faktentreu, im erzählerischen Stil und nicht selten in der Ich-Form, seine Reportagen schrieb. Die Grube-Brüder stellten seine Reportage über den Mord an Kischs Verwandten vor, bei dessen Ermittlungen der Reporter selbst ins Visier der Polizei geriet. Aufgeklärt wurde die Tat nie.
Besonders widmeten sich die Dialogpartner dem Juristen Anselm von Feuerbach. Er wurde vor fast genau 250 Jahren geboren und wirkte ab 1817 in Ansbach als Richter. Auch er verfasste True Crime beziehungsweise „Merkwürdige Kriminalfälle”, die eine besondere Zielrichtung hatten: Seine Fallstudien sollten abschreckende Wirkung haben. Die Bürgerinnen und Bürger sollten erkennen, was sie bei Verfehlungen gegen das Gesetz erwarte. Gleichzeitig habe sich Feuerbach um ein tieferes Verständnis für die Verbrechen und die Täter bemüht, so Andreas Grube. Er sei somit Begründer der modernen Kriminalpsychologie.
Die Fallstudien Feuerbachs waren auch Kritik an der Strafjustiz. Mit seinen Geschichten habe er Probleme aufgedeckt. Zum Beispiel die „schwere Inkonsequenz” der Kettenstrafe. Wenn ein Täter seine Taten nicht gestand – die Folter war abgeschafft – entzog er sich so der Todesstrafe. Die Kettenstrafe wurde 1861aus dem bayerischen Strafgesetzbuch gestrichen.
Wahre, literarisch aufgearbeitete Kriminalfälle – ob die ersten Geschichten des Franzosen Francois Gayot de Pitaval, die Kriminalfälle des Anselm von Feuerbach oder der Roman von Truman Capote – sind nicht nur Bestseller: Sie geben Antworten auf zeitlose Fragen. Auf Fragen nach Schuld und Sühne, nach Recht und Gerechtigkeit, so das Ergebnis der Veranstaltung.