Luise Kinsehers neuntes Solo-Programm ist ein ganz besonderes: Ihr Alter Ego „Mary from Bavary” steht auf der Bühne, aber nicht als eine von vielen Figuren, sondern als Hauptprotagonistin. Wie grandios das funktioniert, zeigt sich an diesem Abend bei der „Welhmäusler Forstkultur”.
Warum sie die Mary ranlässt? Das erklärt die preisgekrönte Kabarettistin dem Publikum im ausverkauften Saal noch selbst. Sie hat im vergangenen Jahr geheiratet, in einem Alter, „in dem sich andere eher scheiden lassen“. Die Folge: Sie will kürzertreten, loslassen, mit ihrem Mann lieber schön essen gehen, als auf der Bühne zu stehen.
Kinseher hat jedoch in Form von ein paar Moderationskarten eine dem politischen Kabarett verpflichtete „Guideline” vorbeireitet, an der sich Mary inhaltlich orientieren soll. Um es vorwegzunehmen: Das tut Mary natürlich nicht wirklich. Die Moderationskarten nimmt sie nur sporadisch zur Hand.
Zur Melodie von „It's Raining Men“ stürmt Mary im geblümten Bademantel und mit einer pinken Federboa um den Hals die Bühne und röhrt: „I bin die Mary, yeah!“ Mary genießt es sichtlich, endlich alleine auftreten zu dürfen. Animiert vom Publikum, das sie gleich im Griff hat, erzählt Mary aus ihrem „ereignisreichen Leben” und ihrer Suche nach der großen Liebe, die sie schon in „abgelegenere Gegenden” als Wehlmäusel geführt habe.
Marys erste große Liebe? Goldhamster Muckel, da war sie vier. Es folgen die Jungs aus der Dorfdisco, David Hasselhoff, mit dem es wegen eines kleinen Büschels schwarzer Haare hinter dem linken Ohrläppchen nichts geworden ist, und die Romanze mit dem Asiaten Wan Tan.
Das ist alles herrlich überzeichnet, Kinseher nutzt ihr schauspielerisches Talent. Doch das Programm, das wahnsinnig viel Spaß macht, ist weit vielschichtiger. Mary seziert komplexe Themen, analysiert treffisicher. So sinniert sie über „Platon als antiken Influencer”, die Palantir-Software, für die wohl das Futur II erfunden wurde, „anständiges Lügen” sowie über Kipppunkte beim Klima wie im Zusammenleben.
Doch Mary wäre nicht Mary, wenn sie die Schwere nicht wieder brechen würde. Sei es durch ein grandios vorgetragenes Lied oder das Schäkern mit dem Publikum. Vor allem Peter in der ersten Reihe hat es Mary angetan.
Zum großen Finale gibt es ein Duett mit Simon Ernst, ihrem Manager und Techniker des Abends, der zuvor schon live einen Schlager beigesteuert hat. Die beiden schmettern „The Time of My Life“. Statt der Dirty-Dancing-Hebefigur umarmen sie sich – ehrlich und herzlich. Genauso fällt der lang anhaltende Applaus des Publikums aus.