Pascale Hugues: Bummel zwischen Deutschland und Frankreich im Retti-Palais Ansbach | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 22.01.2026 19:01

Pascale Hugues: Bummel zwischen Deutschland und Frankreich im Retti-Palais Ansbach

Die Autorin Pascale Hugues ist im Elsass aufgewachsen und lebt seit Jahrzehnten in Berlin. Ihre Lesung lockte 120 Gäste zu einem Blick auf zwei Kulturen.

Was für ein Donnerwetter. Es kommt aus dem Elsass, zieht eine gewaltige Schleife über Berlin und entlädt sich im edlen Retti-Palais zu Ansbach. 120 Gäste genießen die Blitze, die Pascale Hugues von der Bühne schleudert. Die Autorin lässt es zum deutsch-französischen Tag ordentlich krachen.

Schuld ist die Oma, der 1959 im Elsass geborenen Journalistin und Buchautorin. Nirgendwo ist die leidvolle Geschichte der Erzfeinde intensiver zu spüren, nirgendwo ihre schüchterne Annäherung nach dem letzten der drei Kriege, die zwischen 1870 und 1945 Millionen von Menschen in Frankreich und Deutschland ihr Leben kosteten. Im Elsass wechseln Staatszugehörigkeit und Amtssprache, aber der Oma liegt ihr „Donnerwetter“ weiter auf der Zunge, auch wenn sie ihre deutsche Sprache verdrängen will. „Ohne es zu merken, fiel sie in die Sprache ihrer Kindheit zurück“, berichtet die Enkelin. „ Die Bedeutung des fremden Begriffs verstand ich nicht, wohl aber seine Kraft.“

Alltag, Mentalität und Sprachen

„Donnerwetter“ ist eines der Lieblingswörter der strikt in der französischen Sprache erzogenen Elsässerin, die es nicht nur wegen der Oma liebt. Für sie verbindet es Bestürzung und Wut, Bewunderung und Ekstase. „Diese gegensätzlichen Gefühle in einem Wort zu vereinen – das ist die Heldentat von Donnerwetter.“

Pascale Hugues, längst in Berlin heimisch geworden, hat ihren beiden Großmüttern in ihrem Buch „Marthe und Mathilde“ ein literarisches Denkmal gesetzt. In „Ruhige Straße in guter Wohnlage“ breitet sie 100 Jahre deutsche Geschichte aus, indem sie dem Schicksal von Menschen aus ihrer Straße nachgeht. In Ansbach liest sie am Mittwochabend aus „Deutschland à la francaise“, einem heiter-gnadenlosen Vergleich von Alltag, Mentalität und Sprachen.

Mit einem messerscharfen Blick, mit dem man auf einem Brettchen jede Wurst zersägen könnte. Einem dieser Brettchen in deutschen Küchen, die Franzosen ein ewiges Rätsel bleiben. „Ich finde es seltsam, dass die Deutschen jeden Abend in ihrer Küche picknicken”, sagt Pascal Hugues und empfiehlt für nähere Studien einen Besuch im Deutschen Brettchen-Museum in Bottrop. „Das habe ich nicht erfunden”, versichert sie. „Das Brettchen ist holzgewordener Ausdruck der Gemütlichkeit.”

„Mathematik ist wichtiger als Mittagessen”

Wogegen in ihrer Heimat erstens von Porzellantellern und zweitens auch abens meistens warm gegessen werde. In den Schulen ist das dreigängige warme Mittagessen immer noch Pflicht, schwärmt sie, und berichtet von der leidvollen Erfahrung an den Berliner Schulen ihrer Söhne, als es nach der Gleichung „Mathematik ist wichtiger als Mittagessen” oft nur für fünf Minuten mit einer Stulle aus der Hand reichte.

Ihre ersten Stunden als Korrespondentin der französischen Tageszeitung Libération waren hart. Sie tauschte ihre Stelle im swingenden London aus Mitleid mit einem Kollegen, der es in Bonn vor lauter Langeweile nicht mehr aushielt. Die Reue kam sofort, erzählt sie. „Die erste Nacht im Hotel habe ich nur geweint.” Doch es war der Sommer 1989 und in Deutschland war es sehr bald nicht mehr langweilig.

Doppelte Botschafterin in Berlin

Die Journalistin erlebt die ersten DDR-Bürger, die über Ungarn einreisen, den Fall der Mauer und eine Republik im Aufruhr. Sie stellt ihren Landsleuten die DDR vor. „Das war für uns ein unbekanntes Land.” In der wiedervereinigten Bundesrepublik wird sie von Berlin aus zur doppelten Botschafterin. Sie ist weiter Korrespondentin, inzwischen für Le Point, schreibt gleichzeitig für deutsche Medien und dreht Dokumentarfilme für beide Länder. Für ihre geduldige Vermittlung wird sie mit mehreren Preisen geehrt. In der Nacht, die sie in Ansbach verbringt, wird ihr nächstes Buch gedruckt, die Geschichte ihrer Mutter im Elsass, wie sie bei der Lesung verrät.

Eine Lesung, die zur lehrreichen Plauderstunde wird, mit Fragen aus dem Publikum, mit Trump und Macron und einem unsicheren Europa. „Sie haben Glück mit der Stabilität in Deutschland”, meint Pascale Hugues. „Ich finde, dass die deutsche Demokratie immer noch gut funktioniert.” Die Kunst des Kompromisses in Koalitionen sei in Frankreich, das an klare Mehrheiten gewohnt ist, viel weniger verbreitet.

Sorge in Europa: Neue Weltordnung

Es ist eine Premiere, nicht nur weil Sylvie Feja, die Partnerschaftsbeauftragte des Bezirks, Pascale Hugues am Vorabend des deutsch-französischen Tags zum ersten Mal nach Ansbach eingeladen hat. Im neuen Anbau des sanierten Retti-Palais ist es die erste große Veranstaltung mit 120 Gästen. Auch dieses Haus ein Zeugnis Europas, betont Museumsleiter Dr. Christian Schoen, denn der Baumeister kam aus der Lombardei an den Hof der Markgrafen. Im Mai, kündigt Schoen an, wird die Eröffnung des Museums gefeiert.

Die Sorge in Europa ist groß, meint Oberbürgermeister Thomas Deffner. „Europa muss zusammenstehen, muss alleine wehrhaft sein, als vielleicht letzter großer Hüter von Demokraie und Völkerrechten. Wir leben in einer neuen Weltordnung und müssen uns neu aufstellen.”

Partnerschaften aus Mittelfranken

Dafür kommen Frankreich und Deutschland entscheidende Rollen zu, ist sich Deffner mit Bezirkstagspräsident Peter Daniel Forster einig. Dieser verweist auf die vielen Partnerschaften zwischen Mittelfranken und der Region Nouvelle-Aquitaine, zu der nach einer Gebietsreform auch Ansbachs Partnerstadt Anglet am Atlantik gehört. Der Club der Freunde von Anglet ist der Dritte im Bunde der Gastgeber, weshalb seinem Vorsitzenden Günter Scheiderer das Schlusswort gebührt.

Das Duo Erledanz mit Henrike und Klaus Eckardt sorgte für musikalische Heiterkeit im Retti-Palais. Wem die Politik dennoch zu sehr auf der Seele lastet, darf als Trost einen weiteren Lieblingsbegriff von Pascale Hugues mit nach Hause nehmen. „Es läuft nicht weg.” Für sie ist es ein Bild in der deutschen Sprache voller Weisheit. „Es beruhigt mich sofort, wenn ich glaube, etwas Wichtiges zu verpassen, wenn ich hilflos dastehe und zusehe, wie das Leben vor meinen Augen davontänzelt. Immer mit der Ruhe, sagen diese vier Wörter. Alles zu seiner Zeit.”

Pascale Hugues stellte im Ansbacher Retti-Palais zum deutsch-französischen Tag ihre Erfahrungen mit beiden Ländern vor.  (Foto: Manfred Blendinger)
Pascale Hugues stellte im Ansbacher Retti-Palais zum deutsch-französischen Tag ihre Erfahrungen mit beiden Ländern vor. (Foto: Manfred Blendinger)
Pascale Hugues stellte im Ansbacher Retti-Palais zum deutsch-französischen Tag ihre Erfahrungen mit beiden Ländern vor. (Foto: Manfred Blendinger)
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