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Veröffentlicht am 10.03.2024 14:00

Sabine Böhne-Di Leo packt das Grundgesetz in eine Reportage

Ein Staat wird 75. Sabine Böhne-Di Leo hat das Jubiläumsbuch dazu geschrieben: „Die Erfindung der Bundesrepublik – Wie unser Grundgesetz entstand“. Ein sperriges Thema. Die Ansbacher Journalismusprofessorin hat sich trotzdem daran gesetzt. Knapp zwei Jahre hat sie an ihrem Buch gearbeitet. Jetzt ist es erschienen.

Gewarnt ist Sabine Böhne-Di Leo worden. Zu einem solchen Jubiläum werde viel veröffentlicht – am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz verkündet. Noch ein Buch dazu? „Okay“, hat sich die Journalistin und Politikwissenschaftlerin gesagt, „dann mach ich es halt auf meine Art. Ich mache es jetzt einfach.“

Ein Buch für die Demokratie

Sie hat gemacht. Der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch war von ihrem Konzept überzeugt. Und nun wundert sich Sabine Böhne-Di Leo beim Blick auf die Verlagsankündigungen, wo die vielen Bücher zum Jubiläum bleiben: „Von anderen Publikumsverlagen ist nichts mehr gekommen. Es wird auch nichts mehr kommen in diesem Jahr.“ Vielleicht, weil das Grundgesetz kein Thema für das breite Lesepublikum scheint.

Für Spezialisten, für akademische Seminare wollte Sabine Böhne-Di Leo aber nicht schreiben. Sie dachte an ihre Kinder, an ihre Studentinnen und Studenten, an junge Leute, an Menschen, die wie sie selbst das Glück haben, in einen demokratischen Staat hineingeboren zu werden, den es zu erhalten, dessen Werte es zu verteidigen gilt. Aber von vornherein war für die Journalistin klar: „Ich wollte den Leuten nicht pädagogisch kommen.“

Historische Reportage

Das ist sie nicht. Die Textsorte, die sie gewählt hat, zielt auf etwas anderes, auf eine fast filmische Unmittelbarkeit. Sabine Böhne-Di Leo hat eine Reportage geschrieben, eine der besonderen Art, eine historische Reportage. Auf gut 190 Seiten erzählt die Autorin Geschichte mithilfe von historischen Akteuren. Sie lenkt dabei den Blick auch auf die wenigen Frauen, die bei der Entstehung der Bundesrepublik wichtige Rollen einnahmen – und zum Teil beinahe vergessen sind.

Zeigen wollte sie, wie die Männer und Frauen, die das Grundgesetz geschaffen haben, in der NS-Zeit gelebt und gelitten haben und wie ernsthaft und mit welch „staatsrechtlicher Weisheit“ sie ihre Aufgaben angegangen sind: „Sie wollten unbedingt das demokratische Haus wieder aufbauen – und zwar einbruchssicher.“

Leicht von der Hand ging der Bau nicht. Sabine Böhne-Di Leo lässt die inneren Kämpfe des Parlamentarischen Rats um das Grundgesetz lebendig werden – was einfacher gesagt als getan ist, wenn keine Zeitzeugen mehr zu befragen sind. Sabine Böhne-Di Leo, Jahrgang 1959, hat die Nachkriegszeit nicht erlebt.

Kein Lesegerät für Mikrofilme

Also hat sie erst einmal gelesen, gelesen, gelesen. Protokolle, Memoiren, Biographien, Briefe, Sekundärliteratur. Zwischendurch wurde das Lesen selbst zum Problem. Sabine Böhne-Di Leo musste recherchieren, ob es in der Nähe noch ein funktionsfähiges Lesegerät für Mikrofilme gibt. Sie brauchte dringend eines, um in alten Ausgaben des Berliner Tagesspiegels stöbern zu können. In Ansbach war keines aufzutreiben. In Neuendettelsau wurde sie fündig. Die Augustana-Hochschule half ihr weiter.

Viel Stoff kam zusammen. Allein die Akten und Protokolle des Parlamentarischen Rates, der neun Monate um das Grundgesetz rang, umfassen 17 Bände. Leise Zweifel beschlichen Sabine Böhne-Di Leo: „Am Anfang war es sehr dröge. Ich dachte: Was hat dich nur geritten?“ Wie ein Abenteuer kam ihr die selbst gestellte Aufgabe vor. „Ich wusste erst nicht, ob das sprachlich, stilistisch funktionieren würde. Als ich viele schöne Anekdoten fand, habe ich gedacht: Ja, super, das geht ja, da ist ja ganz viel Musik drin.“

Die weltpolitische Lage 1948 und 1949 sorgte zusätzlich für Dramatik, die das Reportagebuch so spannend macht. Sabine Böhne-Di Leo verzahnt sie mit ihrer eigentlichen Geschichte, der Arbeit am Grundgesetz. Während in Bonn die 61 Männer und vier Frauen des Parlamentarischen Rates um Formulierungen kämpften, demonstrierte Stalin seine Macht. Er ließ Berlin abriegeln. Die Westalliierten überwanden die Blockade mit einer immens aufwendigen Luftbrücke. Die legendären Rosinenbomber flogen.

Wechselwirkung mit Berlin-Blockade

Sabine Böhne-Di Leo: „Mir ist da erst klar geworden, dass die Blockade in Berlin zeitlich absolut parallel gelaufen ist und dass es eine intensive Wechselwirkung gab.“ Wie bei einem Kugelstoßpendel, wo die Kugeln hin- und herklacken, fällt ihr als Bild dazu ein.

Erst am 12. Mai 1949 endete die Blockade. Vier Tagen vorher hatte der Parlamentarische Rat das Grundgesetz verabschiedet. Elf Tage später hatten es die Bundesländer angenommen oder akzeptiert. Es konnte verkündet werden.

Am Mittwoch, 13. März, stellte Sabine Böhne-Di Leo ihr Buch „Die Erfindung der Bundesrepublik“ mit einer Lesung in Ansbach vor.

Lässt Staats- und Weltgeschichte in ihrem neuen Buch lebendig werden: Sabine Böhne-Di Leo (Foto: Jim Albright)
Lässt Staats- und Weltgeschichte in ihrem neuen Buch lebendig werden: Sabine Böhne-Di Leo (Foto: Jim Albright)
Lässt Staats- und Weltgeschichte in ihrem neuen Buch lebendig werden: Sabine Böhne-Di Leo (Foto: Jim Albright)

Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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