Der Stoff ist riesig: Die Artus-Sage hat europäisches Format. Ein Staatstheater, das sie in ein Stück packen wollte, könnte, dürfte, müsste ins Volle greifen. Genauso sieht das Drama im Theater hinterm Eisernen aus – und auch wieder nicht. Das macht „Artus und die Frauen der Tafelrunde” zu einem großartigen Vergnügen.
Das gewittrige Landschaftsbühnenbild, die raffinierte Lichtgestaltung, die epische Schauspielmusik, die prächtigen Kostüme, die höfischen Gestalten mit ihren alleredelst ausdrucksvollen Gesichtern – all das könnte aus der Inszenierung eines großen Hauses stammen, wäre da nicht ein kleiner Unterschied. In diesem Artus-Drama ist das Ensemble auf handliches Format geschrumpft, weswegen es bei den Ansbacher Puppenspielen bestens aufgehoben war.
„Das weite Theater” aus Berlin und die brandenburgische Puppenspielerin Dorothee Carls haben Tankred Dorsts Artus-Drama „Merlin oder Das wüste Land“ für ihre Zwecke adaptiert. Der weltliterarische Stoff, kraftvoll und bildstark von Pierre Schäfer inszeniert, dreht sich ein klein wenig in Richtung Kasperltheater. Pathos und Ironie strudeln ineinander. Der Teufel, Merlins Vater, und das Drachenkrokodil, dem Lancelot nachstellt, schauen hier so aus, als ob sie sonst für Kinder spielen.
Verhandelt werden aber Themen für Erwachsene: wie eine Utopie scheitert, wie Herrschaftswillen die besten Absichten verrät, wie Macht die Liebe zerstört und der Tod persönlich Einzug hält. Der Titel des Stücks, „Artus und die Frauen der Tafelrunde”, deutet eine weibliche Perspektive an. Aus Merlin, Zauberer und Sohn des Teufels, wird Marylin, die Tochter des Höllenfürsten. Aber wie Merlin kann auch Marylin nicht verhindern, dass das Böse triumphiert.
Oben, über der Spielleiste des Handpuppentheaters, kämpfen Männer um ein Königreich und um die Gunst von Frauen. Unterhalb der Spielleiste, dort, wo sonst Stoffbahnen die Durchsicht verhindern, ringen die beiden Spielerinnen um Aufmerksamkeit, um die Gunst des Publikums. In den Dramenfiguren spiegeln sich, auf mythisches Maß vergrößert, die konkurrierenden Theatermacherinnen. Den schlichten Wunsch, dass unter weiblicher Führung die Weltgeschichte eine bessere Wendung nähme, illustriert dieses Stück nicht.
So ausdrucksstark, wie Christine Müller und Dorothee Carls ihr Puppenensemble führen und beleben, geht dieses Königsdrama unter die Haut. Das finale Schlachtgemetzel der Ritterheere von Artus und Mordred, nur mit den Fingern und Händen gespielt, ist komisch und entsetzlich zugleich. Und Momente gibt es, wenn Ginevra und Artus beieinander sind, die glücken so intensiv, dass in einem Blick, einer zärtlichen Geste, einem Kuss doch die Wende zum Guten denkbar wird und eine Utopie aufscheint – hell wie ein Blitz und genauso kurz.