Schau an: Was in einem Eheleben doch alles verborgen ist, was in ihm so schlummert. Man sieht es erst, wenn man tiefer hineinblickt. Der Regisseur Uwe Reichwaldt tut das mit seinem Team am Landestheater Dinkelsbühl. Sie veredeln „Was war und was wird”, ein Ehestück von Lutz Hübner und Sarah Nemitz.
„Was war und was wird” entwickelt am Landestheater eine poetische Aura, die seiner Papierform nach nicht selbstverständlich ist. Es schwebt im Zwischenreich von Realität und Imagination. Worum es geht? Lutz Hübner und Sarah Nemitz schicken Anke und Theo, ein älteres Ehepaar ins Theater, wo die beiden – Wunder gibt es immer wieder – aus der Zeit und in ihr eigenes Leben fallen. Statt sich auf die Vorstellung zu konzentrieren, gehen sie durch ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart und ihre Zukunft. Sie erzählen, sie spielen, was war, was hätte sein können und was die nächsten Jahre vielleicht bringen werden. Behilflich ist ihnen dabei Lenny, ein Theatermensch im Hintergrund.
Das Duo Hübner-Nemitz gib dem oft vorhersehbaren Genre „Beziehungsdrama” einen neuen Dreh. Uwe Reichwaldt dreht es noch ein gutes Stück weiter. Auf einmal funkeln die Text-Oberflächen, werden durchsichtig und geben mit Humor und Melancholie den Blick frei auf das, was darunter liegt. Und still feiert Reichwaldt außerdem die Kunst des Theaters selbst.
Dass das glückt, hat drei Gründe. Als ersten, wichtig und schwer herzustellen: Margret Gilgenreiner und Thomas Weber geben ihrem Ehepaar eine unforcierte Alltäglichkeit mit. Keine Geste gerät zu groß, kein Ausbruch überzogen. Alles ist psychologisch fein grundiert. Zwei Menschen, wie jeder, wie jede sie kennt. Man hört, man sieht, was sie bewegt, wie sie um ihre Beziehung ringen. Der Bogen spannt sich über ein ganzes Eheleben vom ersten Flirt über die ungewollte Schwangerschaft und die heranwachsenden Kinder bis hin zu Entfremdung, Krankheit und Tod.
Thomas Weber war schon zu Saisonbeginn in der „Erbschaft” einer aus dem Geschlechte der Abgründigen. Hier formt er Theo zu einer sympathischen Unfrohnatur. Ein Mann, zernagt von Selbstzweifeln, auf der Flucht vor Verantwortung, aber doch einer, der zu seiner Frau steht. Es wird Liebe sein. Margret Gilgenreiner zeigt, dass Anke in dieser Beziehung den Erwachsenen-Part innehat. Sie umgibt ihre Anke mit einem Glanz aus Zuneigung. Er bleibt, trotz aller Erschütterungen und Schicksalsschläge.
Der zweite Grund: das Bühnenbild und die Kostüme. Manuel Kolip stellt ruinös schöne Relikte eines Barocktheaters auf die Bühne. Die bemalten Seitenkulissen und der Rückprospekt ergeben eine Landschaft, einen Park mit Musentempel und Zypressen. Die arkadische Szenerie lädt das Geschehen symbolisch auf.
Links von ihr ist eine Garderobe mit Sofa, Schminktisch und Kleiderwagen, rechts die Technikabteilung mit Lichtsteuerpult, Overheadprojektor und Tonanlage. Bedient werden die Gerätschaften nicht von Lenny. Den hat Reichwaldt gestrichen.
Statt Lenny, das ist der dritte Grund und eine großartig wundersame Findung, stehen da in leuchtend roten Kostümen, wie aus dem 18. Jahrhundert in die Gegenwart gestiegen, zwei hilfreiche Personen. Als hätte sich der Geist des Theaters jenseits gängiger Geschlechtervorstellungen in einem Paar materialisiert, der Kleidung nach ein bürgerliches Mädchen (Leonard Graeber) und ein Adliger (Yannik Dirksen).
Stumm und ernst schauen die zwei auf Anke und Theo, gehen gemessenen Schrittes zur Hand, staunen, leiden mit, übernehmen kleine Rollen. Zwei überlebensgroße Seelenführer, die Anke und Theo in ihre Vergangenheit und Zukunft geleiten. Der Text, den Reichwaldt diesem Erkenntnis stiftenden Spiegelpaar gibt, lässt sie zu Schillers Paar aus „Kabale und Liebe” werden. Luise und Ferdinand sterben auch dieses Mal. Anke und Theo leben weiter. Sie haben sich selbst entdeckt: im Theater.