Wäre man ein Adler und würde den Neustädter Streitwald zwischen Strahlbach und Emskirchen überfliegen, dann sähe man neun helle Löcher von oben. Diese sind der Grund, warum Förster Gernot Käßer dieses Jahr fast alle 14 Tage namhafte Besuchergruppen durch diese „Lochhiebe“ führt. Sie gelten als ideale Verjüngungsflächen.
Weil er diese Lichtungen – sie befinden sich zwischen zwei Rückegassen – auf seine spezielle Weise bewirtschaftet, hat sich inzwischen auch der Name „Käßer-Löcher“ eingebürgert. Waldverjüngung in Zeiten des Klimawandels: „Wir in Mittelfranken müssen uns dazu mehr Gedanken machen als in Oberbayern, wo es gemeinhin viel regnet“, sagte Käßer dazu.
Mittelfranken muss sich mehr Gedanken machen als Oberbayern.
Für die Flächen, die 2023 angelegt wurden, wurde ein neues Konzept erarbeitet. In den Lochhieben kommt alles Wasser unten am Boden an, da keine Baumkronen oben drüber wie ein Regenschirm wirken können.
Das Wasser, dass im Boden ankommt, ist dann auch nur für die jungen Pflanzen da und wird nicht von den Wurzeln der Altbäume wie unter dem Schirm weggezogen. Beschattet werden sie je nach Tageszeit unterschiedlich. Dafür sorgt der angrenzende Altbestand hoher Bäume. Durch den wandernden Schatten im Tagesverlauf, heizt sich der Boden nicht so stark auf wie auf einer großen Freifläche, die zum Beispiel durch Borkenkäfer entstanden ist.
Die Thermik, die durch die Lufterwärmung im Lochhieb entsteht, sorgt dafür, das kühlere Luft aus dem Bestand von außen angesaugt wird, und sorgt somit auch wieder für Kühlung. Wichtig ist laut Käßer, den Restbestand dunkel und dichtzuhalten, damit eine Windruhe vorhanden ist. Dadurch reduziert man auch die Verdunstung.
Alle Schattenbäume innerhalb der besonderen Lichtungen wurden entfernt. Üblich war bisher, dass innerhalb der Fläche einige Bäume stehengelassen wurden – was als Femelschlag und in der Folge als Femelloch beschrieben wird. Das ist im Neustädter Streitwald anders.
Käßers Ziel ist es, Regen optimal in seine Löcher zu bringen. Dadurch, dass sowohl die Kronen als auch die konkurrierenden Wurzeln der Altbäume fehlen und dadurch, dass das Wasser nicht in den großen Bäumen, sondern in den Lochpflanzen verdunstet, geschieht das auch.
Der Erfolg wurde Anfang Juli am Höhepunkt der Hitzewelle gemessen. An allen neuen Löchern wurden Erdproben entnommen – die einen innerhalb der Lichtung und die anderen im Altbestand unter Baumkronen. Insgesamt waren es folglich 18 Proben. Jeweils ein Kilo Boden kam 15 Minuten bei 105 Grad Celsius in den Backofen. Danach maß man den Verdunstungsgrad.
Das Ergebnis: Innerhalb der Lichtung wurden 10,7 Prozent Wasseranteil gemessen, außerhalb waren es 5,9 Prozent. Diese unterschiedliche Bodenfeuchte zeigte Käßer jüngst auch einer staunenden Gruppe von Lonnerstädter Waldrechtlern vor Ort, indem er seinen Hohlspaten nahm, und sie sowohl die staubtrockene als auch die stärker wasserhaltigere Erde fühlen ließ.
Solche und ähnliche Aha-Effekte gab es zuletzt auch bei einem Waldbautraining für Försterinnen und Förster auf Führungsebene und im Leitungsdienst für die Ämtergruppe Mittelfranken – ebenso für einen kompletten Regierungsbezirk aus Österreich mit 30 Försterinnen und Förstern. Gezielt will man auf der Fläche bestimmte Baumarten hochbringen, was ebenfalls geglückt ist. Dazu verwendet man die Nelderrad-Methode mit den Spieler- und Trainer-Bäumen.
In Loch 1 beispielsweise soll die Esskastanie (Spieler) hochkommen. Die Trainer sind Hainbuche und Rotbuche, sie beschatten die Spieler und werden mit dem Wachstum der Spieler wieder herausgenommen.
In den neun Käßer-Löchern verjüngte sich die Natur selbstständig – mit Eiche, Birke, Kiefer, auch Himbeeren, Brombeeren und Gräser.
Wie ein Obstbaumgärtner entfernt der Förster das, was man nicht haben will, teilweise durch Knicken der Äste. Ab einer Höhe von rund 1,50 Metern – Verbissgefahr soll ausgeschlossen werden – kann dann der schützende Zaun entfernt werden. Denn Holz will man auch ernten. Das sei in der Regel eine Lkw-Ladung aus einem Loch – 20 bis 30 Festmeter.
Wir sind die Speerspitze der Innovation.
„Wir sind die Speerspitze der Innovation“, habe Käßers Chef Dr. Christian Kölling – Bereichsleiter Forsten am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Fürth-Uffenheim – ihm gesagt. Manchmal sind einfache Dinge am besten.