TTZ Neustadt: Ist Künstliche Intelligenz eine Gefahr oder Gemeinwohl-Verstärker? | FLZ.de | Stage

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TTZ Neustadt: Ist Künstliche Intelligenz eine Gefahr oder Gemeinwohl-Verstärker?

Stiftungsprofessorin Yvonne Wetsch sieht das TTZ in der Pflicht, den mittelständischen Unternehmen auf dem Land die Chancen und Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) näher zu bringen.  (Foto: Patrick Lauer)
Stiftungsprofessorin Yvonne Wetsch sieht das TTZ in der Pflicht, den mittelständischen Unternehmen auf dem Land die Chancen und Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) näher zu bringen. (Foto: Patrick Lauer)
Stiftungsprofessorin Yvonne Wetsch sieht das TTZ in der Pflicht, den mittelständischen Unternehmen auf dem Land die Chancen und Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz (KI) näher zu bringen. (Foto: Patrick Lauer)

Seit bald zwei Jahren ist es da, aber für viele noch immer ein Rätsel: Das Technologie-Transfer-Zentrum, kurz TTZ, in der Neustädter Wilhelmstraße. Unter anderem, um für die Zielgruppe nahbarer zu werden, öffnete die Zweigstelle der Ansbacher Hochschule am Mittwoch ihre Türen. Erfolgreich – das Interesse war enorm.

Zielgruppe? Es gehe, so deutete es schon TTZ-Standortleiterin Marie Thérèse Hartz in ihren Begrüßungsworten an, darum, künstliche Intelligenz (KI) „zum Anfassen” zu präsentieren, „spannende Einblicke” in ein Forschungsgebiet zu ermöglichen, das doch gerade den Mittelstand interessieren sollte und müsste. Oder, wie es Yvonne Wetsch, die frisch gebackene Stiftungsprofessorin des TTZ, wenig später erklärte: Viele Großunternehmen nutzten die Möglichkeiten künstlicher Intelligenz schon – nicht selten, um durch KI-gestützte Rationalisierungen Arbeitskräfte einzusparen.

Mehr Nachhaltigkeit durch KI?

Ähnliche Befürchtungen habe sie beim Mittelstand nicht, denn dieser habe im Zeitalter des Fachkräftemangels kaum Beschäftigte, die durch KI ersetzt werden könnten. Nein, im Mittelstand gehe es beim Einsatz künstlicher Intelligenz viel eher um Prozessoptimierung und darum, die Wertschöpfung zu erhöhen.

Im Klartext: KI könne einerseits dabei helfen, Kosten zu senken – zum Beispiel bei der Organisation, bei Lieferketten oder ganz konkret beim Vermeiden von Überproduktion in einem Bäckereibetrieb. Zum anderen biete KI in vielen Situationen aber auch die Möglichkeit, neue Entwicklungen anzustoßen, Produktpaletten zu erweitern oder den Produktionsausstoß zu erhöhen. Und – ein Punkt, auf den Wetsch viel Wert legt – mit KI ließe sich auch die Nachhaltigkeit der Betriebe überprüfen. Dabei gehe es allerdings längst nicht ausschließlich um ökologische Fragen, der Begriff Nachhaltigkeit sei auch sehr handfest unter ökonomischen Gesichtspunkten zu verstehen: „Wie stelle ich meinen Betrieb zukunftssicher auf?”

Aufgebaut waren im TTZ verschiedene Stände, an denen Fachleute diverse KI-Einsatzgebiete demonstrierten und erläuterten. Das reichte von der interessanten (und für den einen oder anderen sogar gruselig anmutenden) Frage, wie sich KI-Modelle eigentlich verhalten, wenn der Mensch nicht dabei ist, über miteinander kommunizierende Roboter bis hin zum KI-generierten Auslesen der CO2-Bilanz einer Bohrmaschine. Die rund 50 Unternehmerinnen und Unternehmer des Mittelstandes, die der Einladung gefolgt waren, schlenderten von Stand zu Stand, stellten ihre Fragen und bauten eventuell vorhandene Berührungsängste weiter ab.

Forschung und Entwicklung für den Mittelstand

Gegenüber der Redaktion erläuterte Yvonne Wetsch, welche Aufgaben das TTZ für die hiesigen Firmen übernehmen kann, darf und soll: „Wenn Unternehmen ein konkretes Anliegen für einen ganz speziellen Fall haben, dann sind sie beim TTZ richtig.” Dann biete man Forschung und Entwicklung an, dann könne man dem Unternehmen zielgerichtet helfen.

Auf Nachfrage bestätigte Wetsch, dass man zwar nicht umsonst arbeiten dürfe, aber doch stets weit preisgünstiger sei, als wenn ein Mittelständler ein passendes KI-gestütztes Programm bei einem Softwareriesen ordern würde. Und man biete natürlich maßgeschneiderte Anwendungen nur für das jeweilige Unternehmen, so dass dort auch alle Daten verbleiben und nichts nach außen gehe. Stichwort: Datensicherheit.

Ein simples aber beeindruckendes Beispiel dafür, wie man Künstliche Intelligenz im betrieblichen Alltag nutzen kann, präsentierte Evelyn Olesch. Die Mitinhaberin der Neustädter Firma OSM, gegründet von ihrem Vater Heinz im Jahr 1992 und heute von ihrem Bruder Peter Olesch und ihr selbst geleitet, hatte dem TTZ den Auftrag gegeben, eine KI-Anwendung zu entwickeln, die die handgeschriebenen Notizen in den vorgedruckten Artikelberichten, die jeder Mitarbeiter täglich ausfüllen muss, einzulesen. Das hat schon mal geklappt und in einem nächsten Schritt gehe es nun darum, aus diesem riesigen Datensatz mit KI eine sinnvolle und nutzbringende Auswertung zu erstellen.

Lobende Worte für die Einrichtung

In einem Folgeprojekt, werde man laut Evelyn Olesch die ohnehin schon beeindruckend niedrige Fehlerquote noch weiter drücken, indem man das KI-Werkzeug, das bisher lediglich mit einer bereits bestehenden Handschriften-Datenbank ausgestattet war, „mit unseren eigenen Handschriften weiter trainiert”. Für die Zusammenarbeit mit dem TTZ hatte sie nur lobende Worte parat – diese sei bedarfsorientiert, unkompliziert und offenbar wesentlich schneller als bei „normalen” Hochschulforschungsprojekten. Olesch, studierte Mathematikerin, die einst selbst an der Uni gearbeitet hatte, weiß, wovon sie spricht: „Da geht es zuweilen doch recht zäh zu – hier nicht.”

Der Auftrag des TTZ, so formuliert es die Stiftungsprofessorin, sei eindeutig: „Wir sollen Innovation in die Regionen bringen, wir wollen Fachkräfte mit aufbauen und Unternehmen digitaler machen.” Mittelfristig gehe es auch darum, mit KI-Anwendungen Unternehmensgründungen und Start ups zu fördern. Für Ängste rund um KI hat Yvonne Wetsch angesichts aktueller amerikanischer Entwicklungen vollstes Verständnis, bleibt aber Optimistin: „Es gibt meines Erachtens genug Möglichkeiten, Künstliche Intelligenz für das Gemeinwohl einzusetzen.


Patrick Lauer
Patrick Lauer
Redakteur
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