„Pfui Deifel” oder „So was mag ich nicht essen!” – so lauten einige Facebook-Kommentare unter einem Post der FLZ. Es geht darin um eine Innovation der Firma Hans Kupfer aus Heilsbronn (Kreis Ansbach). Der Lebensmittelproduzent entwickelt seit Kurzem Kunstfleisch mit.
Genau genommen handelt es sich um Bratwürste, eine Hybrid-Version davon. Hybrid, weil sie zu 20 Prozent aus kultiviertem und zu 80 Prozent aus echtem Fleisch bestehen. Um die künstliche Version herzustellen, werden einem lebenden Schwein Körperzellen, zum Beispiel Muskel- oder Blutzellen, entnommen. In der Regel reicht bereits eine kleine Blutprobe oder eine winzige Gewebeentnahme durch einen Tierarzt – vergleichbar mit dem Entfernen eines kleinen Leberflecks. Die Zellen wachsen dann im Labor genau so heran wie im Körper des Tiers. Sie enthalten die gleichen Inhaltsstoffe und verhalten sich gleich – nur ohne Schlachtung.
Schon vor mehreren Jahren hatte das Unternehmen die Idee, Kulturfleisch zu entwickeln, erklärt Max Kupfer im Gespräch mit der FLZ. Gemeinsam mit seinem Bruder Johannes Kupfer bildet er den Vorstand des Unternehmens. Später kam das Heilsbronner Familienunternehmen ins Gespräch mit der Hochschule in Göttingen. Aus dieser heraus entstand nämlich ein Start-up.
Kupfer und das Start-up MyriaMeat haben dann gemeinsam die erste Bratwurst in Hybrid-Form entwickelt, die übrigens auch weltweit das erste Beispiel für ein solches Hybrid-Produkt ist. Die Bratwurst wurde dann natürlich auch getestet. „Der erste Test ist super gelungen. Es hat genau so geschmeckt wie Fleisch und auch die gleiche Konsistenz”, so Max Kupfer.
Im kleinen Rahmen hat sich das Produkt also durchgesetzt. Jetzt gehen die Tests weiter und werden wiederholt. Dafür braucht MyriaMeat Investoren. „Aktuell würde eine Wurst mit 30 Gramm zirka 1000 Euro kosten”, erklärt Max Kupfer.
Das ist auch der Grund, wieso erstmal nur eine Hybrid-Wurst und keine aus 100-prozentigem Kunstfleisch entwickelt wird: Es wäre schlichtweg zu teuer. Aber: „Es ist zumindest 20 Prozent weniger konventionelles Tierfleisch drin”, sagt Max Kupfer. Ausschließen wollen die Kupfers aber nicht, dass sie irgendwann vielleicht eine komplette Kunstfleisch-Wurst produzieren. Zunächst sind keine anderen Hybrid-Produkte geplant, sagen die beiden Vorsitzenden. „Unser Fokus ist ganz klar die Bratwurst”, sagt Max Kupfer.
Wenn die Wurst dann mal fertig entwickelt ist, kann sie trotzdem nicht einfach so auf den Markt gehen. Es braucht erst noch einige Zertifizierungen. Insgesamt ist das ganze Projekt noch Zukunftsmusik, verraten die beiden Brüder. Fünf bis zehn Jahre könnte es realistisch gesehen noch dauern, bis man die erste Hybrid-Wurst im Supermarkt kaufen kann.
Und, wenn es dann so weit ist, muss das Produkt natürlich auch als solches gekennzeichnet werden – ähnlich wie bei veganen Produkten mit einem Label. „Es muss niemand Angst haben, dass er aus Versehen eine Hybrid-Bratwurst isst”, sagt Johannes Kupfer mit einem Schmunzeln.
Aufgrund ihrer Zusammensetzung ist die Hybrid-Wurst natürlich nichts für Veganerinnen oder Veganer. Für richtige Fleisch-Fans aber auch nicht. Die Zielgruppe könnte irgendwo dazwischen liegen, vielleicht bei Flexitariern, sagt Max Kupfer. Diese Ernährungsform wählen Personen, die sich zum Großteil vegetarisch ernähren, aber auch ab und zu Fleisch essen. Sie befassen sich also bewusster mit ihrem Fleischkonsum und kämen daher für das Produkt in Frage. Die Argumente für das Produkt sind für die Kupfers klar: „Weniger Tierhaltung, weniger CO₂, weniger Futtermittelanbau, weniger Verunreinigung von Futtermitteln … „, führt Johannes Kupfer aus.
Auch die großteils negativen Reaktionen auf Facebook haben die Brüder mitverfolgt. „Ich verstehe Vorbehalte – jede Innovation wird zunächst kritisch beäugt. Hier muss man eine gewisse Hornhaut entwickeln.”, sagt Max Kupfer. Dass einige Leute schreiben, sie würden das Unternehmen Kupfer deshalb in Zukunft boykottieren, quittieren die Brüder nur mit einem Schulterzucken. „Wir müssen niemanden überzeugen oder bekehren. Jeder darf essen, was er möchte”, betont Max Kupfer. Dem Unternehmen gehe es vor allem um Zukunftsmärkte und darum, sich an den Kundinnen und Kunden zu orientieren.
„Wir sind Innovationstreiber und wollen den Kunden aufzeigen, was es gibt. Die Bewertung überlassen wir anderen.” Auch ist es beiden wichtig zu betonen, dass Kupfer nicht nur ein Wurst-, sondern auch Lebensmittelhersteller ist. „Wir beschäftigen uns mit allen Proteinen”, so Max Kupfer. Seit 2019 produziert die Firma Hans Kupfer vegane Ersatzprodukte. Rund zehn Prozent des Umsatzes der Firma Hans Kupfer wird derzeit durch vegane Produkte erzielt. Langfristig könnten sich sowohl Max als auch Johannes Kupfer auch noch mehr vorstellen. Aktionsweise gibt es auch Burger aus Insekten.
Den beiden gehe es darum, etwas Neues zu erschaffen. Das sei auch gut mit der Tradition des Familienunternehmens zu vereinen: „Das haben uns schon unser Opa und Vater weitergegeben: Beschäftigt euch mit Innovation.”
Anfang Oktober informierte die Firma Kupfer die Öffentlichkeit mit einer Pressemitteilung über ihre Forschung zum Thema Kunstfleisch. Wir fanden das Thema interessant und veröffentlichten einen Artikel – auch auf unserer Homepage flz.de und auf Facebook. Dort tummelten sich nach kürzester Zeit Kommentare von Usern, etwa 130 Stück sind es bis heute. Von Ekel bis hin zu Boykott-Androhungen war die Resonanz vor allem negativ. Auch die Familie Kupfer hatte den Post der FLZ mitbekommen. Dass das Thema so polarisiert, war für uns erst recht ein Anlass, mit dem Heilsbronner Unternehmen darüber zu sprechen.