„Extrawurst” in Dinkelsbühl: Clinch im Tennisclub | FLZ.de | Stage

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Veröffentlicht am 25.01.2024 20:03

„Extrawurst” in Dinkelsbühl: Clinch im Tennisclub

Clinch im Tennisclub (von links): Jan Fritz Meier, Andreas Peteratzinger, Lena Matthews-Noske, Cem Göktas und Mario Brutschin bei einer entgleisenden Vereinssitzung. (Foto: Landestheater/Hans von Draminski)
Clinch im Tennisclub (von links): Jan Fritz Meier, Andreas Peteratzinger, Lena Matthews-Noske, Cem Göktas und Mario Brutschin bei einer entgleisenden Vereinssitzung. (Foto: Landestheater/Hans von Draminski)
Clinch im Tennisclub (von links): Jan Fritz Meier, Andreas Peteratzinger, Lena Matthews-Noske, Cem Göktas und Mario Brutschin bei einer entgleisenden Vereinssitzung. (Foto: Landestheater/Hans von Draminski)

Beim Landestheater endet die Wintersaison mit einer Vereinssitzung in zwei Akten. Wer zuschaut, ist Mitglied im Tennisclub Lengenheide, darf abstimmen und gerät zwischen die Diskursfronten der Gegenwart: „Extrawurst“, ein Stück von Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob. Am Mittwoch war Premiere.

Wie in jedem ordentlichen deutschen Verein wird beim TC Lengenheide über so etwas wie ein Sommerfest lange und leidenschaftlich debattiert. Allerdings zerlegt sich dieser Verein dabei selbst. Tragisch für den Club, erhellend und komisch fürs Publikum, denn die Regisseurin Juliane Abt platziert zusammen mit ihrem Ensemble die Pointen zielsicher in ihrem Tennisplatz-Bühnenbild.

Streit um den Grill

Der Streit entzündet sich am Grill. Wenn ein neuer gekauft wird, warum dann kein zweiter, damit der einzige Muslim im Verein sein Grillgut nicht neben das Schweinefleisch legen muss? Die Frage ist schlicht, die Wirkung enorm und das Wort „Türken-Wurst“ noch eine der harmlosesten Entgleisungen.

Grill-Fürsprecher, Gegenredner und Vermittler schaukeln sich hoch. Türen knallen. Mitglieder schubsen einander zu Boden. Eine Austrittswelle droht. Und eine Ehe geht zu Bruch. Die Eskalationsstrategie der beiden Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob ist Mittel zum Zweck. Die beiden bringen damit flott die Debattenlage zu Themen wie Zuwanderung, Integration, Alltagsrassismus und politische Korrektheit aufs Komödien-Format.

Stimmungsbild der deutschen Mitte

Widerstreitende Positionen verteilen sie intelligent ausbalanciert auf fünf Vereinsmitglieder. Keines ist eine reine Sympathiegestalt. Jedes sagt Dinge, die tief blicken lassen. Vom Chauvinismus bis hin zum verdeckten Antisemitismus ist alles dabei. So entsteht ein Stimmungsbild der deutschen Mitte, satirisch überzeichnet und trotzdem sehr nah an der Wirklichkeit.

Vor zwei Jahren, in Axel Kraußes Ansbacher Extrawurst-Inszenierung, entwickelten die Figuren einen trocken-komischen Realismus. Man sah ihnen mehr an, als der Text ausspricht: ein ganzes Leben, ihre Biographie, ihr Milieu. In Dinkelsbühl sind sie nach Art des Hauses schlichtere Komödientypen mit Lachgarantie. Juliane Abt setzt deren Aus- und Zusammenbrüche mit untrüglichem Gespür für Tempo und Rhythmus in Szene.

Der bieder-deutsche Matthias, der vehement die Ein-Grill-Lösung fordert, hat bei Jan Fritz Meier, selbst wenn er rot anläuft und schreit, noch etwas irreführend Sonniges im Gemüt. Der Vereinsvorsitzende Heribert verstrahlt bei Andreas Peteratzinger kaum jene autokratische Machtversessenheit, die ihm die anderen vorwerfen; dafür leidet er bitterlustig an Ischias.

Torsten, den Flachwitzbold und aufgeklärten Atheisten im Club, spielt Mario Brutschin mit missionarischem Eifer. Melanie, die mit ihrer Grill-Frage alles ins Rutschen bringt, behauptet sich dank Lena Matthews-Noske tapfer gegen die Männerübermacht.

Das facettenreichste Portrait gelingt Cem Göktas: Er spielt Erols Migrationshintergrund mit; einer, der sich bei allem Stolz erst wegduckt, nicht auffallen will, dem das Ganze bis in die Fingerspitzen peinlich ist. Aber auch er gerät in Rage. Wie die anderen Herren redet er sich um Kopf und Kragen.


Thomas Wirth
Thomas Wirth
Redakteur im Ressort „Kultur“
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