„Ich war ein ganz schöner Brocken, als ich mit über neun Pfund geboren wurde“, sagt Anna Friedrich und lacht. Auf die Welt kam sie am 13. Mai 1923 per Kaiserschnitt als Kind einer ledigen Mutter in Jägerndorf im heutigen Tschechien. Heute feiert sie ihren 100. Geburtstag in Uffenheim.
Ihren Erzeuger, wie sie ihren leiblichen Vater selbst nennt, hat sie nie kennengelernt. Seit Dezember 2021 lebt sie im Seniorenheim in Uffenheim. Bis dahin hatte sie sich in einem kleinen Häuschen in Simmershofen noch selbst versorgt.
Sie sei ein Sonntagskind gewesen, erzählt Anna Friedrich, das immer Glück gehabt und den Charakter ihrer Mutter geerbt habe. Mit ihrem Stiefvater allerdings habe sie kaum jemals geredet, erzählt sie ohne Bitterkeit – die Mutter habe beide Elternteile stets ersetzt. Vermisst habe sie als Kind eigentlich nichts und „Ich könnte ein richtig dickes Buch schreiben“, sagt die Jubilarin.
Ihren Humor hat Anna Friedrich in den zehn Jahrzehnten nie verloren und sich immer eine optimistische Einstellung zum Leben bewahrt. Auch ein starker Wille zählt zu ihren Eigenschaften, wie Heimleiter Stefan Haberl bestätigt: „Wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, dann zieht sie es auch durch.“
Geheiratet hatte Anna Friedrich im Jahr 1952. Ihr Mann, ein gelernter Metzger, arbeitete als Melker bei den Bauern. „Er war ein Saupreiß, da er aus Ostpreußen stammte“, erzählt Anna Friedrich, die selbst hochdeutsch spricht und lacht herzhaft.
Kennengelernt hat sie ihren Göttergatten in Oberbayern – sie erinnert sich noch ausgezeichnet: Sie lief mit einer Freundin die Straße entlang, als er ihr nachpfiff. Da durfte er sich einiges anhören – die junge Anna war empört: „Einem Hund pfeift man nach, nicht einem schönen Mädchen“, erklärte sie dem frechen Kerl, der sich daraufhin auch entsprechend reumütig zeigte.
An der gemeinsamen Zukunft änderte dieser holprige Start jedoch rein gar nichts, denn der junge „Saupreiß“ beließ es nicht beim Nachpfeifen, sondern warb um sie mit durchaus romantischen Worten: „Dich hab ich gesehen und dich hab ich gesucht“, habe er gesagt.
Anna Friedrich war ihr ganzes Leben lang eine höchst selbstbewusste Frau. Schon Jahre bevor das Wort „Emanzipation“ ins allgemeine Bewusstsein rückte, hatte sie keine Scheu, ihre Rechte einzufordern. Ohne ihren Mann um Erlaubnis zu fragen, wie es damals eigentlich noch erwartet wurde, erlernte sie den Beruf einer Verkäuferin, und arbeitete heimlich in einem Lebensmittelmarkt.
Auch die Kunst des Melkens eignete sie sich an und als ihr Mann eines Tages krankheitsbedingt ausfiel, übernahm sie zu seiner allergrößten Überraschung kurzerhand seine Vertretung. Den Bauern war´s egal, der Gatte war beeindruckt.
Auch das Autofahren war im Hause Friedrich reine Frauensache. Fünf Autos hat sie im Lauf der Jahre eigenhändig gesteuert, zuletzt sogar einen rassigen Sportwagen. Auch in den Urlaub nach Schleswig Holstein lenkte Anna Schmidt den Wagen stets selbst. „Als einmal eine Flut kam, bin ich gefahren wie eine Sau“, erinnert sie sich und lacht erneut.
Doch Anna Friedrich durchlebte auch schlimme Zeiten. Die einzige Tochter starb bei der Geburt, erzählt die überaus rüstige 100-Jährige traurig. Das Mädchen habe die gleichen schwarzen Locken gehabt, wie sie selbst als Baby. Und auch ihren geliebten Mann, der ihr so viel Freiraum ließ und so viel Verständnis für sie gehabt habe, verlor sie völlig unerwartet. Während der Geburt eines Kalbes auf einem Bauernhof sei er plötzlich tot umgefallen.
Geholfen habe ihr damals ihr starker Glauben und die Überzeugung, ihn dereinst wiedersehen zu dürfen.
Geraucht hat Anna Friedrich nie und sich aus Alkohol nichts gemacht. Auch Fleisch esse sie eher selten, erzählt sie, aber ob das die Schlüssel für ihr langes Leben waren? Sie weiß es nicht. Ansprüche stellt sie heute nicht mehr an das Leben. Noch einigermaßen gesund bleiben – mehr verlange sie nicht.
Im Heim wird ihr Geburtstag heute gefeiert. Uffenheims Bürgermeister Wolfgang Lampe will zum Gratulieren vorbeikommen, und die stellvertretende Landrätin Ruth Halbritter hat sich ebenfalls angesagt. Und wer weiß: Vielleicht findet sich ja jemand, mit dem sie an ihrem Ehrentag ein bisschen über schnelle Autos fachsimpeln kann. Das würde Anna Friedrich sicher Spaß machen.