Vor 80 Jahren sprengten deutsche Soldaten die Rezatbrücke im westlichen Stadtgebiet, um die amerikanischen Truppen am Vorrücken mit ihren Panzern in die Innenstadt zu hindern. Karl Rohleder erinnert sich an die letzten Kriegsmonate mit den Bombenangriffen und an jene dramatische Nacht vor dem Kriegsende in Ansbach.
Im Februar 1945 war Karl Rohleder 13 Jahre alt und Schüler an der Oberrealschule, dem heutigen Platen-Gymnasium. „Die bei Tag fliegenden amerikanischen Bomberpulks mit Hunderten von viermotorigen schweren Bombern und Begleitschutz durch Langstreckenjagdbomber störten einen geordneten Unterricht massiv“, erzählt er. „Es herrschte ständig Fliegeralarm, der uns in die Schutzkeller verbannte. Wir mussten klassenweise tagelang in den Luftschutzräumen verbringen.“
Kaum jemand rechnete aber damit, dass Ansbach Ziel eines Angriffs werden würde, der Rückzug in die Keller war schon beinahe „Routine“. Doch dann fielen am 22. und 23. Februar rund 3000 Bomben auf den Bahnhof, die Gleisanlagen und angrenzende Stadtviertel. Teile Ansbachs wurden zur „Kraterlandschaft“, auch die Oberrealschule war weitgehend zerstört.
„Zu den Aufräumarbeiten wurden wir Schüler herangezogen“, so Rohleder. „Um den Bahnhof wieder befahrbar zu machen, war ein Trupp halbverhungerter Häftlinge aus dem KZ Flossenbürg, meist polnische Juden, zur Verstärkung der Aufräumarbeiten nach Ansbach verlegt worden. Sie konnten kaum drei Ziegelsteine durch die Trümmer tragen und schufteten mit uns Schülern. Viele starben in jenen Tagen des feuchtkalten Frühlingswetters an Entkräftung.“
Einige Wochen vergingen, ehe Mitte April „die heranrückenden amerikanischen Panzer auf den Höhen um die Stadt Stellung bezogen“, wie der 93-jährige Zeitzeuge schildert. „Während des ganzen 17. April hörte man im Westen von Ansbach, wo mein Elternhaus stand, deutliches Donnern und Grollen. Mein Vater als Frontsoldat des Ersten Weltkriegs stufte es eindeutig als Gefechtslärm ein. So war zu erkennen, dass sich die Front der Alliierten auf Ansbach zubewegte.“
Die Ereignisse des 17. und 18. April 1945 hat Karl Rohleder im Detail für die FLZ niedergeschrieben. Hier sein Bericht.
„In Erwartung der Einnahme der Stadt durch die Amerikaner hatte mein Vater beschlossen, die Nacht in der Wohnküche unserer Haushälfte in der Schmiedstraße 25 zu verbringen. Durch die dichte Möblierung erschien dieser Raum, falls sich die Front weiter nähern sollte, zumindest für Infanterie-Geschosse der sicherste zu sein. Nach den Erfahrungen beim Bombenangriff einige Wochen vorher wollten wir keine Kellerräume mehr aufsuchen, um nicht bei einem Volltreffer verschüttet zu werden.
Im Laufe des 17. April bauten einige zurückweichende deutsche Truppenangehörige zusammen mit Leuten des Volkssturms quer über die Würzburger Straße neben dem Torbogen zwischen den Häusern Würzburger Straße 39, dem St.-Johannis-Altenheim und der Bäckerei Inzinger eine massive Panzersperre. Als Material dienten aufgeschichtete Langholzstämme mit einem Durchmesser von mindestens einem halben Meter. Damit sollte die Straße zur Innenstadt abgeriegelt werden.
Nach Einbruch der Dunkelheit zogen wir uns in unseren ,Schutzraum Küche‘ zurück, dessen Boden mit Matratzen ausgelegt war. Trotz der Geräuschkulisse schliefen wir, bis tief in der Nacht eine fürchterliche Detonation das Haus erschütterte. Sämtliche Fenster und Türen zersplitterten, und ein prasselnder Regen der Dachziegel ging in den Garten nieder. Instinktiv suchten wir unter dem Sofa Schutz.
Bald erfuhren wir, dass die zweibogige Steinbrücke über die Rezat von Wehrmachtssoldaten mit großkalibrigen Fliegerbomben unter den Brückenbögen im flachen Wasser der Rezat in die Luft gesprengt worden war, um die heranrückenden Panzer von der Innenstadt fernzuhalten. Die Explosion war so stark, dass die Pflastersteine des Straßenbelags bis in die Gärten der Schmiedstraße geschleudert wurden und die oberen Geschossdecken meines Elternhauses durchschlugen.
Am nächsten Morgen hielt weder die gesprengte Brücke noch die Panzersperre die vorrückenden Panzereinheiten davon ab, in die Stadt einzudringen. Ein Weg führte über die Rezatwiesen hinter der ehemaligen Lederfabrik durch das flache Flussbett und einige niedergewalzte Mauerreste direkt in die Innenstadt. Der damalige US-Standardpanzer Typ Sherman war wesentlich schmaler und kleiner als heutige Kampfpanzer und hatte keine Mühe mit den engen Gassen.
Der 18. April und die folgenden Wochen waren bei uns von tiefgreifenden Ängsten geprägt: Wie werden uns die Amerikaner behandeln? Und wie werden wir unser Haus wieder bewohnbar machen? Letzteres dauerte viele Monate, weil unser Vater aufgrund seiner Versehrtheit – er hatte im Ersten Weltkrieg den linken Arm und die rechte Hand verloren – kaum das Dach besteigen konnte und dies von uns Kindern und der Mutter notdürftig zu leisten war.
Die Aufräumarbeiten am Bahnhof und den Gleisen wurden bis Dezember 1945 fortgesetzt. Es galt, die Bombenkrater von Hand möglichst schnell einzuebnen. Kampfmittelräumkommandos gab es nicht. So blieb mancher Blindgänger in den Bombenkratern einfach stecken.“