Hinter der Richterbank taucht ein 500-Euro-Schein auf. Erst einer, dann zwei, drei, vier. Immer weiter zählt ein Mann auf Türkisch. 40, 60, 70. Erst bei 80 hört er auf. Und sagt: „Dein Geld steht bei mir bereit.“
Schein für Schein sind 40.000 Euro zu sehen in einem Video, das im Prozess wegen eines versuchten Mords in Heilsbronn auf einem Großbildschirm im Landgericht Ansbach lief. Die Summe sollte der Lohn für den Angeklagten sein, dem man damit Appetit auf einen plötzlichen Wohlstand machen wollte. Die Polizei fand das Video auf seinem Handy, so wie viele andere Bilder und Textnachrichten.
Das Video kam von einem Türken in Frankreich, der wiederum von einem Landsmann in der Türkei gesteuert wurde. Beider Ziel: Einen 41-jährigen Geschäftsmann aus Köln, unter anderem Mitinhaber einer Ansbacher Firma, auf offener Straße in Heilsbronn anzugreifen.
Völlig überraschend liefen noch ganz andere Nachrichten bei der Ansbacher Kripo ein. Besonders wertvoll waren Handybotschaften von einer Person, die es wissen musste. Der Chefermittler der Kripo sprach als Zeuge im Landgericht von einer „dem Auftraggeber nahestehenden Person“. Offenbar war aus der Nähe plötzlich Feindschaft geworden, denn die Person schickte der Ansbacher Kripo die Namen der beiden Täter und ihres Auftraggebers in Frankreich.
Dazu eine Warnung vor der nächsten geplanten Tat und etliche Bilder und Texte. Die Kripo gab die Infos an die Kollegen in Frankreich, die den Auftraggeber festnahmen, ihn dann aber nach einer Nacht wieder laufen lassen mussten.
Danach verstummte die Quelle aus Frankreich, berichtete der Kriminalbeamte, der auch die aufwändigen Versuche schilderte, dort und in der Türkei bei den Ermittlungen voranzukommen. Letztlich vergeblich. Nach dem Prozess sollen die Beweismittel an die Behörden in beiden Ländern gehen. Ob diese daraus eigene Ermittlungen machen, ist ihre Sache.
Womit auch bei dieser Aussage die große Frage offen blieb: „Wer hat die Tat in Auftrag gegeben?“ Richter Matthias Held stellte sie dem Kripo-Beamten, der antwortete: „Ich habe eine Vermutung.“ Doch die behielt er für sich, Ermittler spekulieren im Gerichtssaal nicht.
Wie schwer für die Große Strafkammer die Suche nach der Wahrheit ist, zeigte auch die Vernehmung eines engen Arbeitskollegen des Angeklagten. Er hatte ihn bei einer Baufirma im Raum Freiburg fast täglich gesehen. Dieser habe ihm gesagt, er solle etwas anstellen und „einen Mann verletzen“. Er suche einen Komplizen. „Er fragte, ob ich ihn begleiten würde“.
Angeblich stand ein Lohn von 50.000 Euro im Raum. Die Hälfte sollte dem Kollegen gehören.
Doch der lehnte ab. Für ihn war klar: „Da ging es ging um organisierte Kriminalität.“
Der Angeklagte sei in finanzieller Not gewesen, weil seine Familie von ihm Geld für die Hochzeit seiner Schwester forderte. Nicht sein einziges Problem, so der Zeuge. „Seine Psyche war ganz durcheinander.“ Er habe starke Medikamente genommen, die seine Gedanken vernebelt hätten. „Er kam jeden Tag auf die Arbeit und erzählte etwas anderes. Er redete viel und dabei viel Unsinn.“
Zu dem Auftrag sei er gekommen, weil es einen Streit zwischen Männern aus Frankreich und aus Köln gegeben. „Er sagte, es gibt zwei Gruppen aus Frankreich und Köln, die sich nicht vertragen.“ Köln ist die Heimatstadt des Geschäftsmanns, der in Heilsbronn am 6. Februar mit Messerstichen angegriffen wurde. Unklar blieb bisher, ob er in Köln auch noch einen Wohnsitz hatte.
Was genau geplant war, wusste auch der Kollege des Angeklagten nicht. Er gab unterschiedliche Angaben in den Wochen vor der Tat wieder. „Ich soll einen Mann verletzen“, war die eine. Eine andere: „Ich werde ihm nur Angst einjagen. Das Messer will ich ihm nur zeigen. Wenn ich nicht gezwungen werde, werde ich nicht mehr machen“. Der Kollege warnte dringend davor, den Auftrag anzunehmen, egal wie dieser genau aussehen sollte. „Es gab jedes Mal eine andere Geschichte.“ Nur von einem gezielten Mord sei nie die Rede gewesen. „Über Töten sagte er mir gar nichts.“
Der Zeuge glaubte bis zuletzt, dass sein Kollege nach Köln geschickt werden sollte. „Es ging für ihn immer um einen Geschäftsmann aus Köln“, fasste die Kripo-Beamtin die erste Aussage des Arbeitskollegen zusammen, die für dessen Vernehmung sie nach dem Anschlag an seinen Wohnort nach Baden-Württemberg gefahren war. Das wiederholte der Bauarbeiter am Dienstag am Landgericht Ansbach. „Ich dachte, dass er diese Tat in Köln ausführen sollte.“
Auch auf dem Handy des Angeklagten fand sich eine erste Textnachricht mit dem Namen des Opfers und dem Hinweis, es handle sich um einen Geschäftsmann aus Köln. Wann der 26-Jährige dann nach Ansbach, dem Sitz der Firma, und der Wohnung ihres Miteigentümers in Heilsbronn umgeleitet wurde, gehört zu den vielen ungelösten Fragen nach drei Prozesstagen.
Wer die Tat wie juristisch wertet, soll sich am Donnerstag, 11. Dezember, ab 9 Uhr im Gerichtssaal entscheiden. Dann sind die Plädoyers und das Urteil geplant.